Zur Eröffnung der Ausstellung
NOMADEN IN DER SCHWEIZ
Zürich, 28. Mai 2002
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Venanz Nobel, 2002, Nachdruck & Zitate bitte nur unter Quellenangabe und Belegexemplar an venanz.nobel@balcab.ch
Latscho diwes, qwante Rat, guten Abend
Wissen Sie, wie eine Zwickmühle aussieht? Schauen Sie her, ich stecke mitten drin! Dieses Rednerpult ist meine Zwickmühle. Es ist wie meist an Vernissagen: für das Publikum bin ich als Redner lästiges Beigemüse, das Sie vom betrachten der prächtigen Bilder und vom Verschlingen des exquisiten Buffets abhält. Da habe ich natürlich einen äusserst schweren Stand. Auf der andern Seite der Zwickmühle sind die Wünsche des Veranstalters, der hofft, mit meinem Vortrag seine kulturellen Ansprüche noch ein bisschen besser einlösen zu können und der sich bemüht, mit einem runden Programm Ihnen einen stimmigen, gehaltvollen Anlass zu bieten. Stein im Mahlwerk dieser Mühle bin ich selbst, der wie alle Redner zwar sich selbst gerne hört, insbesondere aber mit ein paar rednerischen Gags um Ihre Aufmerksamkeit buhlt und auf Ihren Applaus hofft. Die 3sprachige Begrüssung allerdings war kein Gag, sondern Teil der Ausstellung und meiner Ansprache. Viele von Ihnen sind gekommen, um Zigeuner, Jenische, Manische, Sinti oder Roma im Bild und vielleicht gar in Wirklichkeit zu sehen. Ihnen galt das "Guten Abend". Andere sind gekommen, um sich selbst in ungewohnter Umgebung zu sehen. Diesen galten die fremdklingenden Begrüssungen in Jenisch und Romanes.
D Stradigalme holche is Palarkitt. Kinder der Landstrasse kommen ins Stadthaus. Darin tönt eine Vergangenheit an, die weit über Urs Walders Fotos zurückweist und die dank des medialen Echos der letzten 30 Jahre Ihnen allen in irgendeiner meist beklemmenden Form bekannt ist. Für uns Jenische ist das Palarkitt traditioneller Weise ein Ort, wo mer Bumser heggt, ob mer de Fläppe biharchi, wo d Sense tiberet, was si mit üs Jänische mänge welid, öb mir vo da diräkt i d Legg oder is Nilperkitt tschaned. Hierher kommen zu müssen, verhiess selten Gutes, ausser vielleicht für ds Kröne, für die Heirat. Man hatte Angst, ob man die nötigen Papiere bekommt oder ob die Behörden gar uns an den Kragen wollen. Ausgerechnet hier nun so prominent ausgestellt zu werden, ehrenwerte Gäste dieses Hauses zu sein, macht uns heute stolz. D Gadschi linsed öis für Sense aah! Die Veranstalter erweisen uns die Ehre, die zwar Nichts wiedergutmachen kann, dieses aber hier und heute gut macht, was uns gut tut. Ich habe unsere Leute vorhin hier hereinkommen sehen. Die meisten scheu, ehrfürchtig fast oder trutzig. Selten zuvor waren sie hier, noch seltener freiwillig in diesem Haus.
Trutzig steht es da, an der Limmat. Eine rechte Stadt hat auch ihr Haus, ihr Stadthaus. Wie nennt man die darin wohnen? Hausierer? Hier hausen Beamte. Sie wallten ihres Amtes. Alle wollen etwas von ihnen, müssen etwas wollen. Denn wenn Leute heute die Papiere nicht wollen, die sie hier bekommen sollen, haben sie in dieser Welt nichts zu wollen. Hier gibt es Heiratsscheine, Registerauszüge, Pässe, Steuerausweise, Totenscheine. Die Papiere eben, die wir alle wollen. Wen wundert es da, dass die Beamten sich ihre Trutzburg errichten liessen, kalt, abweisend, auf dass sie sich hinter ihren Schaltern verschanzen können. Bilder aus unserm Geschichtsbuch. Die Mauern hoch, die Tore geschlossen. Draussen vor dem Tore. Da lagern die Heerscharen. Belagern die Stadt. Ergibt sich die Stadt? Der Stadtpräsident lässt Wein auftragen, übergibt dem fremden Potentaten die Schlüssel der Stadt.
Heute öffnet uns das Stadthaus seine Pforten. Wir wussten nicht, dass wir sie belagerten. Wir wohnen einfach da, am Rande der Stadtmauer. Und dachten uns nichts dabei. Jahrzehnte, Jahrhunderte gar. In allen Geschichtsbüchern findet man uns dort. Sofern wir überhaupt vorkommen. Sie haben sich ergeben. Lassen Wein auftragen. Wissen noch nicht, wen sie da empfangen. Jawohl, Ihr Stadtburger, hier bin ich, ein wahrer Burgherr. Herr meiner Wagenburg. Ein Fremder vor dem Tore. Meine Sprache heisst Jenisch. Laut Lexikon spreche ich die Sprache der Gauner. Auch die neusten Lexika wissen da kaum etwas anderes. Doch, halt, in Wahrigs Fremdwörterlexikon werde ich fündig: Da steht: jenisch <Adj.> schlau, gewitzt; jenische Sprache S. der Landstreicher u. Gaukler . [<Zig. dsan "klug, gescheit; wissen"] Ich bin also ein kluger, landstreichender und gaukelnder Gauner. Das Lob nehme ich dankend an. Ueber meine Geschicklichkeit beim Zaubern muss allerdings schon meine kleine Tochter lachen. Und was ist eigentlich ein Landstreicher? Was macht der? Das Land streichen? Ja wie? Mit Farbe? Das wäre mir eine zu schmutzige Arbeit. Streichen kann ja aber auch schlagen bedeuten. Muss ich als Landstreicher also das Land schlagen? Das wäre meiner pazifistischen Seele zutiefst zu wider! Muss ich mich durch das Land schlagen? Da kommen wir der Wahrheit schon näher. Ich schlage mich ja auch durchs Leben. Und bin auch schon etliche tausend Kilometer durchs Land gefahren, habe mich durchgeschlagen. Also bin ich vielleicht tatsächlich ein Landstreicher. Ein kluger gar. Gauner aber verdienen ihren Namen nur, wenn es ihnen immer wieder gelingt, sich etwas zu ergaunern. Sie müssen einbrechen, stehlen, betrügen oder sich sonstige unredliche oder gar ungesetzliche Wege einfallen lassen, um zu Vermögen zu kommen. Weil, ein Gauner, der nichts ergaunert, ist kein Gauner. Ich aber habe mich bisher eben immer irgendwie durchs Leben geschlagen. Beides gleichzeitig, Landstreicher und Gauner, das geht also nicht. Ein Widerspruch. Ja, was ist da los? Lügt am Ende gar das Lexikon? Ich denke, der Autor weiss es halt nicht besser. Er ist wohl ein Schreibtischtäter, der selber noch nie Land gestrichen hat. Ein Bürostreicher, der rastlos durch sein Büro vagabundiert, immer auf der Suche nach neuen Wörtern. Ich rate ihm, sein Fenster zu öffnen. Dann hört er hoffentlich die Vögel zwitschern. Und dann geht es ihm wie meinen Freunden, die jeden Frühling sagen: "Weisch, wänn d Vögeli pfiifed, dänn halt ich's eifach nüme uus. Dänn muess ich uuse, dänn hänk i min Wohnwage aa und gang uf d Reis!" Reisende, sich durchschlagende Burgherren sind wir also. Ich entstamme einer steinreichen Familie. Wir haben allerdings mit unserm Reichtum ein kleines Problem. Während Shareholder ihr Portfolio bequem vom Bankier verwalten lassen, muss meine Mutter unsern Reichtum mit dem Pinsel abstauben. Denn mein Vater hat das Wort "steinreich" zu wörtlich genommen. Mutter verwaltet nun unsern Reichtum. Circa 2 Tonnen Steine, Kristalle, Rauchquarze, Rosenquarze, Calcite, Hämatite, Pyrite, Gneis und Granit. Sie fragen sich jetzt sicher, wie es dazu kam und was das mit Jenischen zu tun hat. Ganz einfach: Auch wenn wir Burgherren sind, sind wir nicht auch Bürger. Oder jedenfalls nicht ganz die gleichen Bürger. Wir wurden zwar im 19. Jahrhundert eingebürgert. Haben aber kein Recht auf den Bürgernutzen. Bekommen also kein Staatsholz zum Heizen, dürfen unser Vieh nicht auf der Korporationsalp sömmern lassen. So haben wir uns halt unseren Anteil Schweiz in anderer Form holen müssen. Strahlen, wie das Kristallesuchen bei Eingeweihten heisst, ist noch an den meisten Orten für alle erlaubt. Und wie hiess es im Volkslied, das in den 50er-Jahren fast täglich aus dem Radio erschallte: "Chum Bueb und lueg Dis Ländli aa!" Wir haben das sehr wörtlich genommen. Wir sind losmarschiert. "Die Schweiz erwandern", "Radiowanderungen", eintägige Völkerwanderungen, organisiert vom Schweizer Radio, waren "in" in den 60er-Jahren. Wir haben sie getroffen unterwegs. Rote Socken waren die Gemeinsamkeit, die wir mit den "Radiowanderern" teilten. Aber wir haben die Schweiz wirklich erwandert. Nicht in pflegeleichten, "touristisch interessanten" Eintageshäppchen. Wir waren unterwegs. Von morgens Früh bis abends Spät. Bei Wind und Wetter. Vaters Taschengeld reichte nicht für Hotels und Schwimmbäder. Das wollten wir auch gar nicht. Wenn die Sonne am Nachmittag die Schatten länger werden liess, begannen wir uns umzusehen. "Schau dort, diese Scheune sieht aus wie für uns geschaffen!" Sie steht etwas abseits vom Dorf auf einer kleinen Anhöhe, der nächste Bauernhof ist knapp ausser Rufweite. Das Gras auf den Matten ringsum ist bereits kniehoch. Da kommt der Bauer sicher in den nächsten Tagen mähen. Hoffentlich hat es noch Heu vom letzten Jahr in der Scheune! Vorsichtig schoben wir den Riegel hoch und spähten hinein. Heu! Ein ganzer Berg Heu! Zuoberst hat es eine Kuhle, fast als ob schon Andere vor uns das gleiche "Hotel" benützt hätten. Auf dem Mäuerchen vor der Scheune stellten wir unsere Rucksäcke ab. Der Brunnen ist nicht weit. Aber Wald, Holz, eine Feuerstelle gibt’s hier nicht. So wurde halt der Campingkocher ausgepackt und in einer windgeschützten Ecke aufgestellt. Bald schon kochte das Wasser, das Gemüse aus dem Dorfladen war gerüstet. Wie freuten wir uns auf die Suppe! Zum Glück kam das Gewitter erst nach dem Nachtessen. Die letzten zwei Marschstunden glichen eher einer Flucht vor der schwarzen Wand am Himmel. Aber jetzt, mit vollem Bauch und Dach über dem Kopf konnte Zeus uns nichts mehr anhaben. Wir sassen gemütlich auf der Torschwelle und schauten den Naturgewalten zu. Blitz - Donner - Blitz! Für Beleuchtung war gesorgt. Nur die Unterhaltung fiel bei diesem Lärm ein bisschen schwer. Am nächsten Morgen genehmigten wir uns ganz feudal eine Ovomaltine im Bahnhofbuffet des nahen Ortes. Wenn dann der Eine oder Andere uns skeptisch musterte, gar einen Strohhalm aus der Socke ragen sah, lachte mein Vater und sagte mir: "Mach Dir nichts draus! So sind wir halt. Wir sind und bleiben Zigeuner!" Und dann sind wir wieder los, raus auf die Strasse, hinunter zum Bach und auf der andern Seite hoch bis zum Gipfel. Was konnte mein Vater dafür, dass der liebe Gott ihm die Steine in den Weg gelegt hat? "Chum Bueb und lueg Dis Ländli aa!" Er hat hingeschaut, sehr genau. Und da lagen sie oft direkt vor seinen Füssen, am Wegrand, seine Steine. Was konnte er dafür, dass die andern sie nicht sehen? Er hat sich gebückt. Mein Vater hat sich seine Heimat schwer erarbeitet. Oft war auf dem Heimweg nicht mehr klar, was schwerer wiegt, mein Vater oder sein Rucksack. Gottseidank haben die Behörden rechtzeitig daran gedacht, meinen Vater sesshaft zu machen! Stellen Sie sich vor, wir müssten unsern Reichtum auf der Reise mit uns schleppen! Wir wären ja mit einem Schwertransporter unterwegs, der ständige Polizeibegleitung braucht!
Ich habe mit meinem Vater die Schweiz erwandert, Kilometer für Kilometer. So wage ich heute zu behaupten, dass ich sie besser kenne als die meisten Schweizer. Wissen Sie, wo Meien liegt? Ich war dort! Oder Gwüest? Ich war dort! Guttannen? Ich war dort! Feld im Binntal? Ich war dort! Steinhaus? Ich war dort! Wussten Sie, dass 3 Orte in der Schweiz Heiligkreuz heissen? Ich kenne alle drei. Aber kennt die Schweiz mich? Wenn ich in Heiligkreuz, Wallis, an die Türe klopfe, und nach Messern zum Schleifen frage, ruft die Bäuerin nach hinten: "Lüe daa, es Chorbeni!" Denn so werden wir Jenischen dort genannt. Sie erkennt mich auf Grund meiner Funktion, ein Hausierer, das muss es Chorbeni sein. Aber wenn ich hier im blauen Trämli sitze? Wie oft sind Sie im Tram oder Restaurant schon zusammen mit Zigeunern gesessen? Nie? Das glaube ich Ihnen nicht! Sie haben uns nur nicht gesehen! Wissen Sie, wieviele Jenische in Zürich wohnen?
Da vom statistischen Amt keine Hilfe zu erwarten ist, habe ich mir für den heutigen Abend die Mühe genommen, das elektronische Telefonbuch nach Jenischen in Zürich zu durchforsten. Ich musste dafür eine kleine Milchmädchen-Rechnung zuhilfe nehmen. Aber ich liebe Milchmädchen-Rechnungen. Sie auch? Darf ich meine Zahlen hier präsentieren? Die Studie "Fahrendes Volk in der Schweiz", die eine vom EJPD eingesetzte Studienkommission 1983 publizierte, listet, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, 75 jenische Familiennamen auf. In Zürich lauten 6'436 von insgesamt 262'098 privaten Telefonnummern auf einen dieser 75 Namen. Das sind 2,4%. Ich höre schon Ihren Einwurf, dass diese Zuordnung alleine auf Grund des Namens unzulässig sei, weil es ja in der Liste auch Namen habe, die nicht eindeutig den Jenischen zuzuordnen seien, wie zum Beispiel Moser oder Huber. Da haben Sie zweifellos recht. Auf der andern Seite gibt es aber auch etliche Jenische, die in dieser Namensliste nicht vorkommen. Angefangen beim ganz Banalen, nämlich zum Beispiel bei den mit einem Bürgerlichen verheirateten jenischen Frauen und deren Kinder, die in dieser Milchmädchen-Rechnung nicht mitgezählt werden können, da sie "unter falschem Namen" im Telefonbuch stehen, bis hin zu den Auswirkungen der Pro Juventute, die Hunderten von Kindern zwangsweise den Familiennamen wechselte oder sie zur Adoption freigab, gibt es eine nicht zu unterschätzende "Dunkelziffer". Da nach meiner Erfahrung, die sich wiederum mit Berichten aus allen Ländern deckt, gerade die wohnhaften Zigeuner eher in städtischen Gebieten leben, wage ich zu behaupten, dass auch bei genaueren Untersuchungen, bei denen diese ganzen Differenzen ab- und hinzugezählt werden, unter dem Strich wieder eine Zahl herauskäme, die nicht allzu weit von meiner Milchmädchen-Rechnung entfernt ist. Und Sie wollen behaupten, Sie hätten es tatsächlich Ihr Leben lang geschafft, so zu gehen und zu sitzen, dass genau diese 2 von Hundert nie in Ihrem Sichtfeld waren? Afrikanische Leute, Turbanträger, Sari-Trägerinnen fallen im Stadtbild nach wie vor auf. Fremde eben. Aber wie fremd ist ein Fremder, der so fremd ist, dass man ihn nicht einmal sieht? Wenn ich am Limmatquai spazieren gehe, steht es mir frei, mich als Schweizer zu fühlen. Ich kann ins Strassencafé sitzen (wenns nicht gerade regnet) und in bestem Züritütsch "en Kafi grem bitte" bestellen. Wenn ich aber auf die Motorfahrzeugkontrolle gehe und eine Autonummer beantrage mit der Behauptung, ich hätte keinen festen Wohnsitz, denn ich sei ein Fahrender, ein Nomade in der Schweiz, erklärt mir der Beamte mit festem Blick: "Das gibt es nicht! Sie müssen doch irgendwo wohnen!" Auch hier im Stadthaus bekomme ich die selbe Antwort: "Im Wohnwagen kann man nicht wohnen! Sie müssen doch eine Adresse haben!" Postfach? Nein, das ist keine Adresse, im Postfach kann man nicht wohnen! Schweizer ohne festen Wohnsitz, das darf es rein statistisch gar nicht geben. Und wie stellen Sie sich denn das vor, zum Beispiel wenn Sie ins Spital müssen? Die Krankenkasse zahlt nur im Wohnkanton! Das wäre in Ihrem Fall dann also nirgends! Also, Herr Nobel, wo wohnen Sie jetzt, welche Adresse dürfen wir für Sie fichieren? Fremd im eigenen Land. Gerade aus solchen Gründen hört man bei reisenden Jenischen seit Jahren immer wieder den Ruf nach dem neuen Kanton Scharotel, Kanton Wohnwagen. Im Kanton Scharotel müssten sich die Beamten damit abfinden, dass ihre Bürger auf Achse sind. Und sie müssten mit den andern Kantonen ein Konkordat abschliessen, das den Scharotel-Bürgern die Reise- und Niederlassungsfreiheit in der ganzen Schweiz garantiert.
"Gaie, toos, mäng mer än Laschi" "Spet, Freier, ich hure am sichere. Chasch Din Laschi dänn nach em Butte schwäche!" so tönt es unter den Vorzelten der Wohnwagen, die Sie vielleicht schon einmal gesehen haben am Rande der Autobahn. Und das kommt Ihnen, auch wenn Sie's nicht verstanden haben, gar nicht so fremd vor. Zigeuner halt, die haben ihre eigene Sprache und wohnen in Wagen neben der Kehrichtverbrennung. Viel öfter aber tönt es im Treppenhaus Ihres Wohnblocks so: "Jogg, hursch unerkünftig? Schniff no e Fläsche Joli mit, wännd i d Schrändi tschansch!" Denn 90% aller Nomaden in der Schweiz wohnen. Womit natürlich das Wohnen in Steinbauten gemeint ist. Doch das bemerken Sie höchstens, wenn Sie mit Jenischen zusammen wohnen, die auch im Treppenhaus jenisch tiberen und nicht nur hinter verschlossener Tür. Die meisten aber passen gut auf, dass die Türe auch wirklich zu ist, bevor sie zu erzählen beginnen. Sie hoffen immer noch, dass ihnen weniger Steine in den Weg gelegt werden, wenn weniger Leute wissen, wer sie sind. Wenn der Kaffee dann gekocht, Wein und Bier eingeschenkt sind, dann sind Sie bei uns angekommen. Dann sind Sie unser Gast. Dann bekommen Sie etwas zu hören! Geschichten von Verwandten, die weit gereist sind und viel erlebt haben. Je länger der Abend in der Küche des Hauses, desto öfter haben Sie das Gefühl, am knisternden Lagerfeuer zu sitzen. Denn das ist der wahre Reichtum der Nomaden: ihre Geschichten. Wenn Sie nachts spazieren gehen, wundern Sie sich nicht, wenn sich plötzlich irgendwo im 3. Stock ein Fenster öffnet und jemand ruft: "De Chüngel brännt!" Da ist ganz einfach einem Jenischen beim Erzählen das Temparament durchgegangen, wurde seine Erzählung zu theatralisch, zu plastisch.
In diesem Hause wurden in den letzten Tagen auch Fenster geöffnet. Die Ausstellungsmacher haben emsig Bilder aufgehängt, Schaukästen gefüllt. So müssen jetzt weder die zürcher Beamten noch Sie als BesucherInnen des Stadthauses in den Regen gehen. Trockenen Fusses öffnen sich Ihnen unsere Fenster, Fenster in die Welt der Nomaden in der Schweiz. Normalerweise wird an dieser Stelle das Band zerschnitten, um etwas Neues zu eröffnen. Ich aber hoffe, dass hier neue Bande geknüpft werden, dass Sie nach Betrachten von Urs Walders Einblicken in unsere Welt sich ein bisschen verbundener fühlen mit uns. Wenn Sie diesen Text nachlesen wollen, können Sie das im Internet unter
www.ausstellung.ch.tf machen. Doch jetzt will ich Ihnen nicht länger im Wege stehen, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, viel Vergnügen an Urs Walders Fenstern, pardon, Bildern, an Latsche Tschawes Musik und natürlich am exquisiten Buffet.
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