Erschienen am: 05.06.2002

Ein Kanton Scharotl für Jenische und Sinti

Der Korber Clemente Graff aus Wettingen. Ein Schweizer Fahrender bei der Ausübung seines traditionellen Handwerks. Foto zVg


Ein Karussellross zieht einen schmucken Scharotl. Eine Miniatur des nostalgischen Zigeunerwagens, die Tschawo Minster austüftelte und seine Frau Martha ausstattete. Weil sie beide in einem Scharotl geboren sind. Martha wollte man jedoch den «krankhaften Vagantentrieb» austreiben. Die Pro Juventute bescherte ihr einen Leidensweg durch Erziehungs- und Arbeitsanstalten. Wie auch den anderen «Kindern der Landstrasse». Zwischen 1926 und 1972 wurden über 600 Jenische und Sinti ihrer Identität beraubt und ihre Familien zerstört. Die meisten fanden jedoch zu deren Kultur zurück. Wie die Jenische Martha, die den Sinto-Musiker Tschawo heiratete.

«Die Kinder der Landstrasse kommen ins Stadthaus», stellte Venanz Nobel, ein Sprecher der Jenischen, bei der Eröffnung der Ausstellung «Nomaden in der Schweiz» fest. Dann fragte er: «Wie fremd ist ein Fremder, dem man nicht ansieht, dass er fremd ist?» Man lässt es ihn jedoch spüren. Wenn er hausieren gehen möchte, einen Marktstand ausstellen will oder einen Platz für seinen Wohnwagen sucht.

Fahren, aber nicht halten

Die etwa 30 Durchgangs- und 30 Standplätze reichen für die mehr als 2000 Jenischen und Sinti, die vom Frühling bis zum Herbst unterwegs sind, kaum. «Wir dürfen zwar fahren, aber nicht halten. Eigentlich leben wir in der Illegalität», witzelte bitter Robert Huber. Der Präsident der «Radgenossenschaft der Landstrasse» ist jedoch nicht verbittert. Die jenische Dachorganisation vertritt als einzige in Europa auch Sinti und Roma. Robert Huber erzählt im Zürcher Stadthaus über die gravierenden Probleme dieser Minoritäten. Der Ruf nach einem neuen Kanton für die etwa 35 000 Schweizer Jenischen und Sinti wird laut. Nach einem Kanton Scharotl – dem Kanton Wohnwagen. Die Roma, die aus Ostmitteleuropa einwandern, müssen ebenfalls integriert werden.
«Nomaden in der Schweiz» ist ein romantischer Titel für die durchaus realistischen Fotografien von Urs Walder. Seine differenzierten Porträts und Reportageaufnahmen dokumentieren den Alltag hart arbeitender, jedoch fröhlicher Menschen. Urs Walder (geb. 1957) begleitet die Jenischen, Sinti und Roma bei ihrer Berufstätigkeit und bei ihren Festen seit fünfzehn Jahren. Er fotografiert sie, ohne mit der Sozialromantik zu kokettieren.
Die Fotoausstellung wird mit historischen Dokumenten ergänzt, welche die Verfolgungsgeschichte dieser Minderheiten belegen. Die Alltagsgegenstände illustrieren deren traditionelle Kultur und ihr Handwerk wie den Scharotl mit dem Karussellross.
Helena Kanyar

Stadthaus Zürich, bis 13. 9. 2002. Veranstalter: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz, Radgenossenschaft der Landstrasse und Zigeunerzentrum in Zusammenarbeit mit der Universitätsbibliothek Basel. Begleitband: Urs Walder, «Nomaden in der Schweiz», Zürich, Andreas Züst, Verlag Scalo, 2000, Fr. 78.–.




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