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Die Ulmen tibern novus gwant von uns
Sie waren Korbflechter und Hausierer, "Nichtseßhafte" mit einer Geheimsprache: die Jenischen. Es gibt sie auch in Österreich, vor allem in Tirol und Kärnten, wo sie als Karrner, Dörcher oder Laninger bezeichnet werden. Sie sind längst seßhaft geworden. Ein Streifzug durch die Welt der Jenischen.
Von Erich Hackl

Die Verbrechen an den Jenischen - an Menschen also, deren Vorfahren aus Not angefangen haben, ein Wanderleben zu führen - sind einer breiteren Öffentlichkeit erst Mitte der siebziger Jahre bekannt geworden. Damals erbrachte Hans Caprez, Redakteur des "Schweizer Beobachters", den Nachweis, daß das von der Stiftung Pro Juventute betriebene "Hilfswerk für die Kinder der Landstraße" mit behördlicher Unterstützung zwischen 1926 und 1973 mehr als 600 jenische Kinder den Eltern weggenommen und zu Pflegefamilien oder in Erziehungsanstalten gesteckt hatte, wo ihnen Kultur und Sprache der Fahrenden ausgetrieben werden sollten. Zudem praktizierte dieses sogenannte Hilfswerk die Zwangssterilisierung von Frauen und Mädchen. Was diese Maßnahmen für die Betroffenen körperlich wie seelisch bedeuten, auch heute noch, läßt sich bei der Schriftstellerin Mariella Mehr nachlesen, die in ihren Romanen und Gedichten das Leid jenischer Menschen unaufhörlich zur Sprache bringt. Noch vor wenigen Jahren wurde sie, 50jährig, in Chur in einen Hauseingang gezerrt und zusammengeschlagen. Seither lebt sie, man kann es nicht anders nennen, im Exil einer italienischen Kleinstadt. Daß Mehr in Ansehen ihres Kampfes um die Rechte der Minderheit vor zwei Jahren die Ehrendoktorwürde der Universität Basel verliehen wurde, ändert nichts an ihrer fortdauernden Gefährdung.

Jenische gibt es auch in Österreich, speziell in Tirol und Kärnten, wo sie als Karrner, Dörcher oder Laninger bezeichnet werden. Die Begriffe haben als solche nichts Ehrenrühriges an sich, aber wer sie verwendet, steht im begründeten Verdacht, den Jenischen übel gesonnen zu sein. Ihre Verbreitung vor allem im Tiroler Oberinntal soll auf
das 17. Jahrhundert zurückgehen, als Mißernten, Überbevölkerung und die durch das Erbrecht verursachte Aufsplitterung von Grund und Boden viele Menschen zwang, die Dorfgemeinschaft zu verlassen und mit Karren über Land zu ziehen. Damit sie in ihrer Bedürftigkeit den zuständigen Heimatgemeinden möglichst nicht zur Last fielen, wurde heiratswilligen Karrnern von den Behörden der sogenannte Heiratskonsens verweigert, ohne den ein Priester bis 1918 keine Trauung vornehmen durfte. Deshalb pilgerten viele jenische Paare nach Rom, zum Papst, für den Armut kein ehelicher Hinderungsgrund war.

Das Bild, das sich die Gadschi, die Außenstehenden, von ihnen machen, ist bis heute von der Zeit geprägt, in der die Jenischen mit Plachenwagen von Ort zu Ort zogen. Sie verkauften selbstgemachte Besen und Körbe, flickten Pfannen und Kessel, schliffen Messer und Scheren. Der Hunger zwang sie immer wieder zum Betteln und zum Mundraub. Ihr Grundsatz: Was frei wächst, ist frei für alle, machte sie bei den Bauern und Gendarmen unbeliebt.

Kein "Hilfswerk" hat unter den österreichischen Jenischen Schaden angerichtet. Aber während der Naziherrschaft wurden sie als "Asoziale" verfolgt, registriert, deportiert, sterilisiert, der Euthanasie zugeführt. Die Fahrenden unter ihnen teilten als "Nichtseßhafte" ohnehin das Schicksal der Zigeuner. Schon vor 1938, besonders aber in den Jahren nach der Befreiung Österreichs verringerten sich die Erwerbsmöglichkeiten immer mehr. Erstens entzogen die Erschließung entlegener Bergregionen und die Verbesserung der Nahversorgung den Wanderhändlern ihre Existenzgrundlage. Zweitens schuf der Kapitalismus eine Wegwerfgesellschaft, die Scherenschleifer, Kessel- und Schirmflicker arbeitslos machte. Drittens ersetzten Massenmedien die von den Jenischen ausgeübte Funktion der Informationsvermittlung. Viertens verwandelten sich Plätze außerhalb der Dörfer und Städte, auf denen sie samt ihren Hütten noch geduldet gewesen waren, in begehrtes Bauland.

Die Erscheinungsformen jenischer Kultur hatten über Jahrhunderte vorwiegend ihre Widersacher aufgezeichnet - um effektive Mittel zur Ausrottung dessen zu finden, was sie als Plage, Pest und Hang zum Bösen ansahen. Anders als den Roma schlug den Jenischen nicht einmal die zweifelhafte Sympathie zivilisationsmüder Künstler entgegen, die ihre Träume vom freien, ungebundenen Leben doch so gern auf Fahrende und Nomaden projizieren. Aber immerhin - in der zweiten Hälfte des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts bemühten sich der Maler Matthias Schmid ("Die Karrenzieher") und der Dramatiker Karl Schönherr ("Karrnerleut, Drama eines Kindes") um die realistische Darstellung eines im Gestrüpp von Mißtrauen und Vorurteil gefangenen Volkes.

Es dauerte Jahrzehnte, bis wieder ein Künstler, der Komponist und Autor Bert Breit, auf die Jenischen aufmerksam machte - schon im Bewußtsein, etwas im Verschwinden Begriffenes retten zu müssen. Breits Radiofeature aus dem Jahr 1984 ("Die Jenischen") ist das Werk eines Alltagsforschers, bescheiden und liebevoll, der für sich nichts weiter anstrebt, als den Reichtum an Kenntnissen und Fertigkeiten armer Menschen festzuhalten. - Längst sind die Jenischen in Österreich seßhaft geworden. Die meisten unterscheiden sich in Aussehen, Umgangsform und Lebenswandel nicht von ihren Nachbarn. Trotzdem stehen jedem strammen Tiroler, jeder knorrigen Tirolerin immer noch die Haare zu Berge, wenn ein Name fällt, der unter Jenischen weit verbreitet ist, Zeter und Mordio.

Vonstadl zum Beispiel gilt als typischer Karrnername. Einer aus diesem Geschlecht, der gelernte Tapezierer und Dekorateur Peter Vonstadl, ist meines Wissens der erste jenische Schriftsteller Österreichs. Von ihm sind seit 1985 drei Gedichtbände erschienen, im Selbstverlag und in kleinen Tiroler Reihen, und obwohl Felix Mitterer früh auf ihn hingewiesen hat, ist seine Lyrik wenigen bekannt. Es wäre ungerecht, die Gedichte nur in Zusammenhang mit der Herkunft ihres Verfassers wahrzunehmen - Vonstadl versteht sich nicht als Stimme eines Kollektivs. Im Gegenteil, er behauptet sich, schreibend, als Einzelgänger in einer Gesellschaft, die es ihm schwermacht und deren Attacken er mit knappen, ebenso zarten wie ungestümen Versen pariert. Allenfalls die Tatsache, daß er seine Bilder der Natur entnimmt, die Warenwelt verschmäht und die Hierarchie der Syntax aufzuheben trachtet, läßt an die Lebensumstände von Jenischen denken: "Geflochten Glimmt der wintertau / Dem schrillend harschen schritte zu / EisDunkel blüht die blaue karge nacht / Flocken Schweben Kreischend INS gesicht / & / Kein traum zerreißt die Bange stille."

Fünf Gedichte Vonstadls finden sich in dem Sammelband "Jenische Reminiszenzen", den Romedius Mungenast unter Mitarbeit des Malers und Kleinverlegers Gerald Nitsche jüngst im EYE Literaturverlag, Landeck, herausgegeben hat. Zeitgleich ist, ebenfalls in Nitsches Reihe "Literatur der Wenigerheiten", eine Studie der Sprachwissenschaftlerin und Sozialpädagogin Heidi Schleich über "Das Jenische in Tirol" erschienen. Sie enthält ein Glossar dieser Geheimsprache, die sich neben Neuschöpfungen auf Grundlage der deutschen Sprache und des Dialekts

Fortsetzung Seite II

Fortsetzung von Seite I

Wörter aus dem Jiddischen, Romanés und Latein einverleibt hat, ferner einen Aufsatz des Historikers Toni S. Pescosta über den "Umgang des Staates mit den Tiroler Karrnern". Die beiden Bücher ergänzen und überschneiden einander, bieten eine Fülle von Informationen, Bildern und Dokumenten, teilen den gesellschaftskritischen Ansatz, meiden jedoch Folklorisierung und Idealisierung.

Ohne Romed Mungenast, Jahrgang 1953, wäre das neuerwachte Interesse an den Jenischen und ihrer Kultur nicht denkbar. Er ist als zweites von elf Geschwistern in Zams aufgewachsen, in einer Baracke nahe dem Krankenhaus, dann in einem Bretterverschlag, den sich sein Großvater, der "Neni", gnadenhalber in der Inn-Au zimmern durfte. Der Neni konnte alles, was er besaß, auf seinem Rücken tragen: "Eine Rebschere zum Schneiden von Korbweiden und Besenreisig, einen flachen Rutenhobel, einen selbstgebastelten Rutenspalter, der aus einem daumendicken Stück Haselnußstecken geschnitten war, und eine Art Flachzange zum Spannen und Fixieren des Drahtes, der das Besenreisig zusammenhält." In der warmen Jahreszeit kamen jenische Familien zu Besuch und lagerten dann wochenlang in der Au oder an einer Sandbank. "Von ihnen lernte ich die jenische Sprache von Kind auf, begriff ihre Kultur und Lebensweise, saugte ihr Denken und ihre Gefühle wie ein Schwamm in mich auf."
Romed Mungenast, der als Rangierarbeiter am Bahnhof Landeck seinen Dienst versieht, sammelt seit über 20 Jahren Materialien zum Alltag der Jenischen. Als Laie hat er seinen akademischen Kollegen die unmittelbare Erfahrung und den klaren Blick voraus. Er war in Österreich der erste, der öffentlich als Jenischer aufgetreten ist, und er ist der einzige, der in ihrer Sprache Gedichte schreibt. Das hat ihm auch Kritik eingebracht. Das Jenische war ja ein Ausdrucksmittel, das die Gadschi nicht verstehen sollten. Seine Verschriftung und Übersetzung macht es allen zugänglich. Mungenast verteidigt die Entäußerung der Sprache mit dem Hinweis, daß das Jenische in seinem Bestand gefährdet ist. Es gehe nicht mehr darum, die Sprache geheimzuhalten, sondern sie den Jungen zugänglich zu machen. Mit seinen Gedichten beweist er, daß sie geschmeidig genug ist, auch für Begriffe wie Rollstuhl, Disko, Psychiatrie, Schadensbegrenzung oder Akkord eigene Wörter zu bilden.

Mungenast schert sich nicht um jene Philanthropen, die Minderheiten allein der Tatsache wegen, daß sie viel Leid erdulden müssen, für bessere Menschen halten - er spricht auch von den Schattenseiten jenischen Lebens, vom Alkoholismus, von der Verwahrlosung, von der Gewalt gegenüber Frauen und Kindern. "Jenische Reminiszenzen" heißt sein bekanntestes Gedicht, das so beginnt: "Der Vater arbeitet nichts, / und kriegt er Geld, / versäuft er jeden Schilling. / Den fünf Kindern treibt es oft / die Augen heraus vor Hunger. / Die Mutter geht betteln, / daß die Kinder zu essen kriegen. / Die Leute im Dorf reden / nicht gut von uns." - "Der Pari schinaglt novus / und gschtibt er a Lowi, / verblåst er jeden Schugg. / Die 5 Rångerlen treibts oft / die Scheinling außi vor Kohldåmpf. / Die Meing nascht pfliagln, / daß d'Rångerlen z'buttn gstibn. / Die Ulmen im Gei tibern / novus gwant von uns." Das Gedicht endet mit der lapidaren Zeile: "Inser Patrus wår a Niggl." "Unser Vater war ein Teufel."

Sieglinde Glatz ist die dritte literarische Stimme der Tiroler Jenischen. 1948 in Haiming geboren, wurde sie im Alter von zwei Monaten von der Fürsorge einer Pflegefamilie zugesprochen. Ihren leiblichen Vater, einen Korbflechter, hat sie nie kennengelernt. Mit 15 oder 16 Jahren traf sie zum ersten Mal ihre Mutter, in einer Barackensiedlung am Stadtrand von Innsbruck. Sie war schockiert. Nur weg von dieser fremden und bedrohlichen Welt! Aber als Fremde empfand sie sich auch unter den Gadschi. Einmal ging sie zu einer Lesung oder einem Vortrag von Romed Mungenast. Da wußte sie noch nicht, daß er ihr Cousin ist. Es war der Beginn ihrer Suche nach den eigenen Wurzeln.

Sie ist immer noch dabei, die Geschichte ihrer Familie zu rekonstruieren, wie und warum sie in die Klauen der Fürsorge geriet, was mit ihrem Vater geschah - ein schwieriges Unterfangen, die Behörden rücken nicht mit Urkunden heraus, verschanzen sich hinter dem Datenschutzgesetz, das in Österreichs Amtsstuben meist die Täter vor den Opferkindern schützt. In einer biographischen Notiz schreibt sie: "Erst mit 49 Jahren Bekenntnis zur jenischen Herkunft." Immerhin, die Mauer der Scham liegt hinter ihr. Es gilt noch den Drahtverhau der Bürokratie zu überwinden. Und das allgegenwärtige Vorurteil: Glatz, auch so eine berüchtigte Karrnersippe.

Im Rahmen der Ausstellung "Die Fahrenden", die vergangenen Sommer auf Schloß Landeck zu sehen war, hat Sieglinde Glatz ein Theaterstück geschrieben und inszeniert, das die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen deutlich macht: "Fremd in der eigenen Heimat" ist ein Tiroler Bilderbogen, der die antijenischen Rassentheorien eines nazistischen Schädelvermessers in die Gegenwart verlängert. Am Ende des Stücks findet die Protagonistin ihren jenischen Großvater: Nun kann sie anfangen zu leben.

Im Gegensatz zu Romed hat Sieglinde nie Jenisch gelernt, sie schreibt auf deutsch, etwa über die Angst, die das Schweigen weckt. "Und es hat viel zu lange gedauert, bis ich endlich wußte, wer ich bin. / Es gibt nichts, wofür ich mich schämen müßte . . ."

Auch der Roman "Im Moos" (Bibliothek der Provinz) der 29jährigen Kärntner Jenischen Simone Schönett lebt von der Spannung zwischen Anderssein und Dazugehören. Im Mittelpunkt steht die junge Jana mit ihrem Bemühen, im Trubel einer gemischten Großfamilie, die nach außen um Anpassung bemüht ist, ihre Identität zu finden. "Es gibt nichts, worauf man stolz sein kann, wenn man ein Jenischer ist", sagt Janas Großmutter, und Otti, ihre Mutter, warnt sie eindringlich davor, anderen das Geheimnis ihrer Zugehörigkeit zu verraten: "Deinen Freunden kannst du es ja sagen, aber weißt eh, wie das geht, das zieht Kreise, und am Ende zeigen sie immer mit dem Finger auf uns, hör auf damit, Jana."

Schönetts Roman ist kein großer Wurf. Er kommt mit der Perspektive nicht zurecht, die Sprache holpert, die Figuren bleiben hinter den realen Vorbildern zurück. Doch der Vorwurf künstlerischer Unzulänglichkeit mißt das Werk nicht an der Absicht seiner Verfasserin und auch nicht an den Bedingungen einer Literatur, die sich gerade erst ihrer Grundlagen versichert. Gegen Ende des Romans ist von Janas Drang die Rede, die Kunst des Hausierens festzuhalten, die ihr der Großvater gezeigt hat, ebenso die Sprache. "Jana, die sich seit Jahren durch die Schichten arbeitet, kann das Absterben dieser Lebensform, das langsame Versiegen, das Ersticken ihrer Kultur im Schweigen, nicht aufhalten. Aber sie versucht, die Reste der jenischen Kultur wenigstens in Fragmenten zu erhalten."

Darum geht es offensichtlich nicht nur den Jenischen. Es fällt auf, daß die meisten Mitarbeiter an Mungenasts Lesebuch Gadschi sind. Einer von ihnen, der Loosdorfer Hauptschullehrer Franz Jansky, definiert sein Anliegen so: "Immer an Nebensätzen, Nebenmenschen, Nebenleben interessiert." Umgekehrt haben auch die Jenischen nicht nur das Eigene im Sinn. Romed Mungenast meint, daß seine Zuwendung "allen Ausgegrenzten in unserer Gesellschaft" gelte. Sieglinde Glatz war Vorkämpferin einer Integrativen Schule für behinderte wie nichtbehinderte Kinder. Da ist also ein Bemühen in viele Richtungen. Und man merkt auch die Lebensfreude, mit der Menschen wie Sieglinde und Romed weitermachen, auf einen zugehen. Das ist ein Geschenk.

02.02.2002 Quelle: Spectrum


Leserbriefe: neuer Beitrag
  Landegger Christian, 03.02.2002 , 22:36 Uhr  
Zehn Jahre Jenische Reminiszenzen? Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein! Vor 10 Jahren erschien im GAISMAIR-KALENDER ein Artikel von Waltraud Kreidl mit dem Titel "Karrner". Bis auf wenige Punkte unterscheidet sich der Artikel von Erich Hackl-Die Ulmen tibern novus gwant von-kaum von dem Waltraud Kreidls! Ist Erich Hackl im Zuge seiner Recherchen möglicherweise auf diese Quelle gestoßen? Hat es sich Herr Hackl möglicherweise leicht gemacht und sich mit diesem Recherchematerial begnügt? Jedenfalls empfinde ich es als etwas befremdend, einen Artikel,der bereits vor 10 Jahren erschienen ist, mit wenigen Abweichungen in ihrer hochgeschätzten Zeitung wieder zu finden!  
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