Aus: Höfner Volksblatt, 10. Juni 2002
LESER SCHREIBEN:
Nichts gelernt?
Zum Artikel "Ein Kanton Scharotl fehlt leider noch" im "Höfner Volksblatt"/"March-Anzeiger" vom 31. Mai 2002:
Besten Dank für den einfühlsamen Artikel! Dass allerdings staatlich geplante organisierte, systematische Kindswegnahmen, mit dem Ziel, «den Verband der Fahrenden zu sprengen» (Zitat A. Siegfried, Leiter des sog. "Hilfswerks Kinder der Landstrasse"), hier verniedlichend als "Zwangsmassnahmen" mit Gänsefüsschen angeführt werden und somit, trotz der Entschuldigung von Bundesrat Egli 1986 und seitheriger wissenschaftlicher Publikationen, als inexistent oder unglaubwürdig erscheinen, macht leider den guten Gesamteindruck des Artikels zunichte! Die Schweiz muss endlich akzeptieren, dass nicht nur ihre «Wissenschafter» des 19. und 20. Jahrhunderts, wie z.B. Josef Jörger, August Forel oder Ernst Rüdin Wegbereiter der Eugenik und somit der deutschen Genozide im 2. Weltkrieg waren, sondern unser eigenes Land mit rassistischen Programmen wie dem sog. "Hilfswerk Kinder der Landstrasse", das mit Bundessubventionen bis in die 1970er-Jahre wirkte, eigene Schuld auf sich lud, die zu gewichten niemandem ansteht. Denn gemäss Uno-Konvention ist auch die systematische Kindswegnahme aus einer Volksgruppe mit dem Ziel, diese auszurotten, ein Genozid und die Ablehnung der ILO-Konvention für die indigenen Völker durch unsern Nationalrat im letzten Herbst, mit dem Hinweis, dass ansonsten womöglich unsere Fahrenden Forderungen stellen könnten, lässt den Verdacht aufkommen, dass unsere Behörden aus ihrer eigenen unrühmlichen Geschichte wirklich noch nicht allzu viel gelernt haben. In 50 Jahren werden wohl die dannzumaligen "Bergiers" wieder tadelnd den Finger auf die Wunden unseres Handelns legen können, und es wird sich für die Betroffen immer noch nichts gebessert haben...
Venanz Nobel, Basel