Aus: "Höfner Volksblatt", Wollerau, 31.05.2002, Seite 7
«Ein Kanton Scharotl fehlt leider noch»
Jenische stürmten friedlich die Ausstellungseröffnung «Nomaden in der Schweiz» im Stadthaus Zürich
«Zwischen Lügen und Legenden: Jenische, Sinti und Roma» heisst der Untertitel der Ausstellung über Minderheiten bis 13. September. Fotos, Objekte, vor allem aber Dokumente geben Einblick in ein leider auch unrühmliches Kapitel. Stadträtin Monika Stocker kriegte Riesenapplaus für ihr: «Ich entschuldige mich in aller Form für das, was passiert ist.»
von Betty Peter
Es ist schwer zu sagen, was faszinierender war: die grossartigen Schwarz-Weiss-Fotografien von Urs Walder oder die Jenischen selbst, die zur Vernissage am Dienstagabend im Zürcher Stadthaus in Scharen aufmarschierten und der Ausstellung enorme Authentizität verliehen. Die musikalische Umrahmung, die die coole Zürcher Regierungsstätte den ganzen Abend über vibrieren liess mit der Gruppe Latsche Tschawe und Django Reinhardt nachempfundenem Zigeunerjazz, war Ohrenschmaus und Augenweide zugleich. Monika Stocker. Vorsteherin des Zürcher Sozialdepartements, erhielt für ihre Rede, in der sie auch die legendären «Zwangsmassnahmen» nicht ausklammerte, mehrfach spontan Applaus.
Werner Kramer, Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz, bekräftigte mit Genugtuung: «Die Sesshaften geben den Fahrenden mitten im Regierungsgebäude der Stadt Zürich Gastrecht.» Deutlich schärfere Worte fand Robert Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse: dass nämlich nicht die Bevölkerung der Schweiz gegen die Fahrenden sei, sondern die Behörden, die es unterliessen, endlich mehr Plätze zu gewähren und Fahrende nicht zu «ghettoisieren». Den Abschluss der Reden machte hintergründig poetisch der jenische Autor Venanz Nobel, der das «Fremdsein im eigenen Land» thematisierte und bedauerte, dass in der Schweiz eben «ein Kanton Scharotl {Wohnwagen) fehlt». Nobel sah es als gutes Omen, dass an der Ausstellung «kein Band zerschnitten. sondern dieses besser geknüpft wurde.»
«Bilder sagen mehr als 1000 Worte»
Mit obigem Zitat brachte Stadträtin Stocker die Sache der Ausstellung im Stadthaus, die deutlich Beachtung und öffentliche Anerkennung reflektiere, auf den Punkt. Dass Urs Walder die Jenischen, die sich gelegentlich als «fünfte Sprachgruppe der Schweiz» bezeichnen, genau die noch zehn Prozent Fahrenden unter ihnen während zehn Jahren begleitete, hat reiche Ernte gebracht. Seine Porträtierten bewegen durch unspektakuläre Echtheit, und da ist keinerlei «Cheese» auszumachen. Walder geht ganz nah an sie ran, jedoch mit viel Respekt. Es begegnen uns so Menschen, von denen wir viel zu wenig wissen, deren autonome Lebensweise uns jedoch die eigene unabdinglich hinterfragen lässt. Allein schon dadurch kriegt diese Ausstellung Spannung.
Gebeutelt im 20.
JahrhundertObjekte und Dokumente in den Vitrinen, die uns die Krux gebeutelter Jenischer verbürgt nahebringen - beispielsweise durch den Horror «Zwangsmassnahmen», wo im fortschrittlichen 20. Jahrhundert omnipräsente Weltverbesserer ganze Familien auseinander rissen - verursachen inneren Aufruhr. Kann solches überhaupt je gebührende Entschuldigung finden? Die Ausstellung im Stadthaus «Nomaden in der Schweiz» ist vielleicht ein Tropfen auf einen heissen Stein. Doch sie geht alle an und sollte nicht verpasst werden, denn Verfemte gibts immer wieder. Hühnerhaut erregt beispielsweise im Stadthaus jener Instrumentenkasten mit Geräten, die Gliedmassen-Länge und Kopfumfang Jenischer einst festhielten - eine besonders perfide Art von Fichen.
Gebeutelt waren die Jenischen, die mit den Roma des Osten und den Sinti aus dem Westen zur grossen Familie der Zigeuner zählen, auch wenn sie sich gelegentlich wegen raren Plätzen nicht hold sind, doch haben sie eine ureigene reiche Kultur: Sie spielen gern und gut Schwyzerörgeli, legen ihre eigenen schönen Tarotkarten, pflegen die «Sippe» und kultivieren vermehrt wieder stolz ihre Sprache. Apropos - Glatzkopf Yul Brynner, aus dem aargauischen Möriken stammend, hatte eine russische Zigeunerin zur Mutter; als Weltstar unterstützte er die Jenischen in der Schweiz, wurde Mitglied ihrer «Radgenossenschaft». Klever sind sie längst, die fahrenden, haben die «Nischenwirtschaft» vor den modernden Marketing-Gurus entdeckt: Sie verrichten die Arbeiten, die sich gerade finden lassen, die andere nicht tun wollen.