Kunstkalender »Bildende Künstler der DDR« - 2003
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 Literatur
Zigeunerpoesie?
Rajko Djuric hat die erste systematische Literaturgeschichte der Roma und Sinti geschrieben 
 
Von Martin Hatzius 
 
Der Mann, der bei der Buchpräsentation im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus neben der Moderatorin Vesna Cidilko Platz nimmt, trägt Krawatte, ein weißes Hemd und einen schwarzen Anzug. Freundlich und warm mustern seine dunklen Augen das neugierige Publikum. In manchen Gesichtern entdecken sie Verwunderung: Das soll ein Zigeuner sein? Rajko Djuric ist gekommen, um sein Buch »Die Literatur der Roma und Sinti« vorzustellen, mit dem er nicht nur die erste systematische Literaturgeschichte dieses heterogenen Volkes vorlegt, sondern viel zur Überwindung von »Vorurteilen, Unkenntnis und kultureller Marginalisierung« beitragen kann, wie die Literaturwissenschaftlerin Vesna Cidilko in ihren einleitenden Worten betont.
Auch Jahrhunderte, nachdem das ursprünglich aus Indien stammende Volk sich über weite Teile Europas verbreitete, sind klischeebeladene Vorstellungen von »den Zigeunern« die Regel. Angstbeladene Bilder von schmutzigen Bettlern, Dieben und Wahrsagerinnen in zerlumpten Kleidern entsprechen einer repräsentativen Wirklichkeit ebenso wenig wie die romantisierende Verklärung des »fahrenden Volkes«, dessen Freiheit sich in lebendigen Liedern und Tänzen Ausdruck verschafft. In der Realität sind die meisten Sinti und Roma – trotz ihrer nach wie vor überdurchschnittlichen Armut – längst in vielen Ländern sesshaft geworden und bestreiten ihr Leben mit ganz unterschiedlichen Tätigkeiten. Neben Händlern, die nach alter Tradition in den Sommermonaten mit ihren Trecks durch die Lande fahren, gibt es eine wachsende Anzahl von Akademikern und Kulturschaffenden unter den Roma. Rajko Djuric etwa, 1947 in Malo Orasje (Serbien) geboren, legte in Belgrad sein Philosophiediplom ab und promovierte mit einer Studie über die Kulturgeschichte und Bräuche der Roma. Bevor er 1991 als Pazifist und Gegner des Milosevic-Regimes nach Deutschland emigrierte, arbeitete er über viele Jahre als Redakteur der Belgrader Tageszeitung »Politika«. Von 1990 bis 2000 war Djuric Präsident der Internationalen Romani-Union, heute ist er Generalsekretär des Roma PEN-Zentrums (Ja, ein solches gibt es!) und veröffentlicht neben wissenschaftlichen Arbeiten vor allem lyrische und essayistische Werke.
Mit seiner Studie »Die Literatur der Roma und Sinti« betritt Djuric nun ein ebenso unbeackertes wie fruchtbares Feld. Einer Einführung in das Thema und einem kurzen Kapitel zu den Mythen, Märchen, Sagen und Volksliedern, die in vorwiegend mündlicher Tradition von Generation zu Generation weitergegeben wurden, folgen chronologische Abrisse zur Entwicklung der Roma-Literatur in europäischen Ländern von der ehemaligen UdSSR bis zu Finnland, Schweden und Großbritannien. Djurics größtes Verdienst an diesem Projekt ist die Bestandsaufnahme verschiedener Spielarten einer Literatur, die als Ausdruck einer kulturellen Identität noch im Entstehen begriffen ist, das »Festhalten«, wie es der Autor nennt. Dass er dabei über das Aufzählen von Autorennamen, das fragmentarische Beleuchten sozialer und biografischer Hintergründe und stichprobenartige Einblicke in einzelne Werke und regionale Zusammenhänge nicht hinauslangt, ist Djuric bei einem derart unerforschten Thema kaum anzulasten. Auf der Buchpräsentation äußerte er die berechtigte Hoffnung, dass seine Publikation von »jungen Wissenschaftlern« als Ansatzpunkt verstanden wird, »weiterzuforschen und in die Tiefe zu dringen«.
Denn so notwendig und informativ das Buch ist, wirft es doch auch Fragen auf, die vorerst ungeklärt bleiben: Kann man bei einem Volk, das sich über Jahrhunderte verzweigte und sich unter regional und sozial verschiedenen Bedingungen entwickelte, überhaupt von der Existenz einer »Nationalliteratur« ausgehen? Ist die gemeinsame Erfahrung von Wanderschaft, Ablehnung, Verfolgung und Vernichtung ein Element, das sprachliche Unterschiede überbrückt und vergleichbare literarische Muster und Themen, Motive und Stimmungen erzeugt, wie Djuric meint? Oder muss man Autoren, die in der Sprache Romanes schreiben, klar von denen unterscheiden, deren Werke sich in der jeweiligen Landessprache mit spezifischen Themen aus dem Erfahrungsbereich der Sinti und Roma beschäftigen? Sind diese beiden Gruppen wiederum von Schriftstellern abzugrenzen, die zwar ihrer Abstammung nach Roma sind, sich aber weder sprachlich noch inhaltlich in ihren Arbeiten dazu positionieren? Und spricht die noch immer sehr hohe Zahl von Analphabeten unter Sinti und Roma nicht ebenso gegen die Entwicklung einer »Nationalliteratur« wie die Tatsache, dass die Roma-Sprache und ihre Dialekte unter dem Übergewicht der Landessprachen zusehends verfallen?
Djuric ist sich dieser und der vielen anderen Probleme, die auf der Veranstaltung angesprochen werden, bewusst. Bereitwillig berichtet er über seine Erfahrungen und erklärt seine Standpunkte. Auch bei Fragen, die er nicht beantworten kann, verschwindet das sympathische Lächeln nicht aus seinem Gesicht. Es scheint sein Glück darüber auszudrücken, dass sie dank seiner Arbeit überhaupt gestellt werden.


Raijko Djuric: Die Literatur der Roma und Sinti. Edition Parabolis. 210S., brosch., 19,80 Euro

(ND 16.01.03)

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