 |
 |
aktuell |
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
 |
Sonderseite |
 |
 |
|
 |
 |
 |
wöchentlich |
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
am Wochenende |
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
|
 |
 |
|
 |
|
 |
monatlich |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
archiv ab Mai/01
|
|
 |
|
|
|
tagesausgabe vom
|
|
|
|
|
|
im Format: 'tt.mm.jj'
|
 |
 |
|
 |
|
|
 |
|
 |
|
|
|
Feuilleton
|
|
|

Literatur
Zigeunerpoesie?
Rajko Djuric hat die erste systematische Literaturgeschichte der Roma und Sinti geschrieben
Von Martin Hatzius
Der Mann, der bei der Buchpräsentation im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus
neben der Moderatorin Vesna Cidilko Platz nimmt, trägt Krawatte, ein weißes
Hemd und einen schwarzen Anzug. Freundlich und warm mustern seine dunklen
Augen das neugierige Publikum. In manchen Gesichtern entdecken sie Verwunderung:
Das soll ein Zigeuner sein? Rajko Djuric ist gekommen, um sein Buch »Die
Literatur der Roma und Sinti« vorzustellen, mit dem er nicht nur die erste
systematische Literaturgeschichte dieses heterogenen Volkes vorlegt, sondern
viel zur Überwindung von »Vorurteilen, Unkenntnis und kultureller Marginalisierung«
beitragen kann, wie die Literaturwissenschaftlerin Vesna Cidilko in ihren
einleitenden Worten betont. Auch
Jahrhunderte, nachdem das ursprünglich aus Indien stammende Volk sich über
weite Teile Europas verbreitete, sind klischeebeladene Vorstellungen von
»den Zigeunern« die Regel. Angstbeladene Bilder von schmutzigen Bettlern,
Dieben und Wahrsagerinnen in zerlumpten Kleidern entsprechen einer repräsentativen
Wirklichkeit ebenso wenig wie die romantisierende Verklärung des »fahrenden
Volkes«, dessen Freiheit sich in lebendigen Liedern und Tänzen Ausdruck verschafft.
In der Realität sind die meisten Sinti und Roma – trotz ihrer nach wie vor
überdurchschnittlichen Armut – längst in vielen Ländern sesshaft geworden
und bestreiten ihr Leben mit ganz unterschiedlichen Tätigkeiten. Neben Händlern,
die nach alter Tradition in den Sommermonaten mit ihren Trecks durch die
Lande fahren, gibt es eine wachsende Anzahl von Akademikern und Kulturschaffenden
unter den Roma. Rajko Djuric etwa, 1947 in Malo Orasje (Serbien) geboren,
legte in Belgrad sein Philosophiediplom ab und promovierte mit einer Studie
über die Kulturgeschichte und Bräuche der Roma. Bevor er 1991 als Pazifist
und Gegner des Milosevic-Regimes nach Deutschland emigrierte, arbeitete er
über viele Jahre als Redakteur der Belgrader Tageszeitung »Politika«. Von
1990 bis 2000 war Djuric Präsident der Internationalen Romani-Union, heute
ist er Generalsekretär des Roma PEN-Zentrums (Ja, ein solches gibt es!) und
veröffentlicht neben wissenschaftlichen Arbeiten vor allem lyrische und essayistische
Werke. Mit seiner Studie »Die Literatur der Roma und Sinti« betritt Djuric
nun ein ebenso unbeackertes wie fruchtbares Feld. Einer Einführung in das
Thema und einem kurzen Kapitel zu den Mythen, Märchen, Sagen und Volksliedern,
die in vorwiegend mündlicher Tradition von Generation zu Generation weitergegeben
wurden, folgen chronologische Abrisse zur Entwicklung der Roma-Literatur
in europäischen Ländern von der ehemaligen UdSSR bis zu Finnland, Schweden
und Großbritannien. Djurics größtes Verdienst an diesem Projekt ist die Bestandsaufnahme
verschiedener Spielarten einer Literatur, die als Ausdruck einer kulturellen
Identität noch im Entstehen begriffen ist, das »Festhalten«, wie es der Autor
nennt. Dass er dabei über das Aufzählen von Autorennamen, das fragmentarische
Beleuchten sozialer und biografischer Hintergründe und stichprobenartige
Einblicke in einzelne Werke und regionale Zusammenhänge nicht hinauslangt,
ist Djuric bei einem derart unerforschten Thema kaum anzulasten. Auf der
Buchpräsentation äußerte er die berechtigte Hoffnung, dass seine Publikation
von »jungen Wissenschaftlern« als Ansatzpunkt verstanden wird, »weiterzuforschen
und in die Tiefe zu dringen«. Denn so notwendig und informativ das Buch
ist, wirft es doch auch Fragen auf, die vorerst ungeklärt bleiben: Kann man
bei einem Volk, das sich über Jahrhunderte verzweigte und sich unter regional
und sozial verschiedenen Bedingungen entwickelte, überhaupt von der Existenz
einer »Nationalliteratur« ausgehen? Ist die gemeinsame Erfahrung von Wanderschaft,
Ablehnung, Verfolgung und Vernichtung ein Element, das sprachliche Unterschiede
überbrückt und vergleichbare literarische Muster und Themen, Motive und Stimmungen
erzeugt, wie Djuric meint? Oder muss man Autoren, die in der Sprache Romanes
schreiben, klar von denen unterscheiden, deren Werke sich in der jeweiligen
Landessprache mit spezifischen Themen aus dem Erfahrungsbereich der Sinti
und Roma beschäftigen? Sind diese beiden Gruppen wiederum von Schriftstellern
abzugrenzen, die zwar ihrer Abstammung nach Roma sind, sich aber weder sprachlich
noch inhaltlich in ihren Arbeiten dazu positionieren? Und spricht die noch
immer sehr hohe Zahl von Analphabeten unter Sinti und Roma nicht ebenso gegen
die Entwicklung einer »Nationalliteratur« wie die Tatsache, dass die Roma-Sprache
und ihre Dialekte unter dem Übergewicht der Landessprachen zusehends verfallen?
Djuric ist sich dieser und der vielen anderen Probleme, die auf der Veranstaltung
angesprochen werden, bewusst. Bereitwillig berichtet er über seine Erfahrungen
und erklärt seine Standpunkte. Auch bei Fragen, die er nicht beantworten
kann, verschwindet das sympathische Lächeln nicht aus seinem Gesicht. Es
scheint sein Glück darüber auszudrücken, dass sie dank seiner Arbeit überhaupt
gestellt werden.
Raijko Djuric: Die Literatur der Roma und Sinti. Edition Parabolis. 210S., brosch., 19,80 Euro
(ND 16.01.03)
Hier können Sie diesen Titel beim ND-Bücherservice bestellen
|
|