Urs Walder, Nomaden in der Schweiz. Mit Texten von Venanz Nobel, Mariella Mehr und Willi Wottreng. Andreas Züst Verlag, Zürich 1999, 162 Seiten, 78 Fr.

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24.11.99



Ein Blick, der findet statt fahndet

Den Nomaden in der Schweiz widmet sich ein Fotoband mit einfühlsamen Texten.

Von Thomas Huonker

Nomaden - das Wort hat im Deutschen einen exotischen Klang. Beduinen oder Prärie-Indianer werden damit assoziiert. Nomaden in der Schweiz - diese Wortverbindung ist ungewohnt. Eine Fahrt durchs Nachbarland Frankreich stellt klar, wer in Europa unter diesen Begriff fällt. Tafeln am Strassenrand signalisieren dort: Interdit aux nomades. Stationierungsverbot für Wohnwagen. Plätze, wo Fahrende anhalten können, sind auch in der Schweiz rar und oft immissionsbelastet, z. B. direkt neben dem Flughafen Kloten. Man übersieht sie leicht. Aber wer mit den Fahrenden in Kontakt kommen will, der kann sie finden. Vielleicht klingeln sie auch gelegentlich an der Haustür und fragen um Arbeit als Messerschleifer oder bieten Teppiche und Haushaltwaren feil.

Der Zürcher Oberländer Fotograf Urs Walder hat seit über 10 Jahren immer mehr Bekannte unter den Fahrenden in der Schweiz. Die meisten davon sind Jenische, andere Sinti und Roma. Auch Sesshafte gehören zu diesen Gruppen. Nicht alle liessen sich fotografieren, aber viele haben Vertrauen gefasst zu Walders Porträt-Angebot. So sind schöne, aussagekräftige Fotos entstanden. Ruhige Bilder, denen man ansieht, dass sich der Fotograf und die Fotografierten die nötige Zeit genommen haben zur Verständigung darüber, was der Sinn solcher gebannter Momente sein kann.

Vorbei die Zeiten, hoffentlich für immer, wo es Polizeibeamte waren, welche Fahrende für ihre Zigeunerregister fotografierten. Die nomadische Lebensweise wird in der Schweiz, zumindest seit nun doch bald einem Vierteljahrhundert, nicht mehr als "dunkler Fleck auf unserer Kulturordnung" gesehen. So sagte es 1927 ein Bundesrat, und bis 1972 wurden den Jenischen die Kinder weggenommen, um ihre Kultur zu zerstören. Ebenfalls bis 1972 wurden ausländische und staatenlose Fahrende konsequent abgewiesen und ausgeschafft, auch - mit tödlichen Folgen - Flüchtlinge aus der Naziherrschaft.

Alle Begleittexte zum liebevoll gestalteten Buch gehen auf die Verfolgungsgeschichte der Nomaden in der Schweiz ein. Eindrücklich ist die Klage Mariella Mehrs über das von monströsen wissenschaftlichen Theorien und Praktiken zerstörte Leben ihrer jahrzehntelang zwangspsychiatrisierten Mutter und über das Los ihres Bruders, der sich als 12-jähriger in einer Anstalt erhängte. Der Text von Venanz Nobel, Jenischer auch er, spielt Katz und Maus mit den unterschwelligen Unterstellungen, die ihm beim aktuellen Stand der Dinge betreffend Umgang mit Minderheiten ständig begegnen. Nobel schildert auch den langen Weg von sich und seinem Vater zurück in die Nähe der fahrenden Verwandten, von denen sie hätten isoliert werden sollen. Willi Wottreng schliesslich erzählt in einfachen Worten, anschaulich, präzis, nicht allzu fordernd und nie beschönigend, wie Schweizer Instanzen mit den Fahrenden früherer Zeiten umgingen, wie die Fahrenden leben, woran sie Freude haben, was Quellen ihrer Überlebenskraft und Eigenständigkeit sind, wie sie ihr Geld verdienen, welche Steine ihnen immer noch in den Weg gelegt werden und wie sie sich organisieren, um endlich als respektierte Volksgruppe anerkannt zu werden.

Selbstsichere, selbstverständliche, lebendige Gegenwart, mit Rückblicken in finstere Zeiten und mit hoffnungsvollem, aber auch realistischem Ausblick in die Zukunft nomadischen Lebens in der Schweiz - so porträtiert dieses gelungene Werk die Fahrenden in der Schweiz.


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