Wie dr Jänisch sich gspient

und

wie Gaschi di Jänische gspiened

 

von

Venanz Nobel

Auf Grund der Sablonier-Studie organisierte der Bund im Dezember 1998 eine Konferenz der Kantone mit uns Jenischen und den Wissenschaftern. Am Ende der Tagung war allen Beteiligten klar, dass nicht einfach ein Schluss-Strich unter unsere Vergangenheit gezogen werden kann, dass auch die Forschung weitergehen muss, wobei zumindest für uns Jenische natürlich die von Prof. Sablonier monierte Kultur-Studie im Vordergrund steht. Eine Gruppe von Wissenschaftern (Historikern und Volkskundlern) begann daraufhin, sich periodisch zu treffen und sich ihre Gedanken über das weitere Vorgehen zu machen. Diese ausseruniversitäre Gruppierung hat unterdessen einen Namen: "Arbeitsgruppe Geschichte der Jenischen in der Schweiz". Mittlerweile nimmt auch ein Jenischer regelmässig an den Sitzungen teil: Venanz Nobel. Am 25. 5.2000 hielt er vor diesem Gremium einen Vortrag, der hier leicht gekürzt wiedergegeben wird:

 

Unsere kollektive Selbstwahrnehmung als Jenische muss erst noch definiert werden,....

Diametral gegensätzlich verhält es sich mit der Quellenlage zur Betrachtung unserer Fremdwahrnehmung. Da sprudelt es aus allen Quellen und Rohren, sodass ich als schlechter Schwimmer darin abzusaufen und wiederum den Überblick zu verlieren drohe. Für einen Publizistik-Forscher wären wir Jenischen eigentlich ein gefundenes Fressen. Seit den frühesten Chroniken bis zu den jüngsten Publikationen sind wir wohl der beliebteste mediale Dauerbrenner. Wir kommen in den krudesten medialen Mischungen vor. Die Jenischen werden nicht nur wie jeder brave Bürger im Tagblatt bei Geburten und Todesfälle minutiös aufgelistet. Ausser vielleicht auf der Seite mit dem Schachproblem findet man uns so ziemlich in jeder Sparte einer angesehenen Zeitung. Angefangen beim Zigeunergulasch in der Rezeptecke über die Seite "Vermischtes" für die Meldungen über unsere auf juristische Irrwege geratenen Genossen und die Lokalseite mit dem Bericht über die hinterlassene Sauerei auf dem Standplatz bis zur Kulturseite mit dem Konzertbericht und die Titelseite der Zeitung mit den Meldungen über asylsuchende Zigeuner und die Verfolgungen unserer Brüder in Kriegs- und Krisenregionen können wir problemlos und fast täglich eine Zeitung füllen. Trotzdem ist der "Scharotl" die meines Wissens weltweit einzige Publikation, die von Jenischen selbst herausgegeben wird. Und der Scharotl begnügt sich mit 4 Ausgaben pro Jahr. Vielleicht sind wir halt doch viel langweiliger und normaler als es die Gilde der Journalisten wahrhaben will.

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Wie sehr Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung differieren können, möchte ich mit einer Episode illustrieren. Es sind jetzt knapp 20 Jahre her, als mein Vater eines Abends an der Gemeindeversammlung seines Wohnortes das Wort ergriff. Er hatte zu irgend einem Thema, ich weiss nicht mehr ging’s um eine Kanalisation oder um das neue Schulreglement, eine eigene Meinung, die ihm wichtig war. Ein Mann, ein Baum von einem Mann, stand auf und fiel ihm ins Wort: "Was will dieser fremde "Fötzel" hier mitreden? Das ist eine Dorfangelegenheit, die ihn gar nichts angeht!" Mein Vater wohnte an diesem Abend schon seit 20 Jahren im Dorf, ich kann es ruhig beim Namen nennen: es heisst Pfäffikon und liegt im Kanton Schwyz. Der Baum, der ihm das Wort abschnitt, war seit mindestens einem Dutzend Jahren Vaters Kollege im Verein. Überhaupt, die Vereine! Sepp, so hiess mein Vater, war dabei. Er war aktives Mitglied beim Männerchor, in der Theatergruppe, in der Fasnachtsgesellschaft, ja sogar in der Feuerwehr. Er verpasste keine Sitzung, keine Übung oder Chorprobe, half Häuser löschen und Festhütten bauen. Auch nach der Überstunde im Geschäft kam er pünktlich und direkt ins Vereinslokal, war immer und überall hilfsbereit, trank meistens "Café créme", wusste auch ohne Alkohol einen neuen Witz. Er glaubte, nicht, oder zumindest nicht unangenehm, aufzufallen. Er fühlte sich wohl hier im Dorf, unter seinen Freunden und Kollegen, war hier zuhause, 20 Jahre schon! Fremd? Ja, sicher, es gab immer wieder neue Fremde im Dorf am Zürichsee der 60er und 70er Jahre. Neue Wohnblöcke entstanden, ganze Quartiere, im damals nicht nur steuer- sondern auch noch mietzinsgünstigen 30-km-Abstand von Zürich. Fremde zogen zu, Ausländer gar! Die alte Schule, der alte Kindergarten waren längst zu klein. Neue, schönere, grössere wurden gebaut. Der alte Kindergarten war jetzt italienisches Vereinslokal. Sepp war auch hier wohlgesehener Gast, erhielt jede Weihnachten einen grossen Panettone. Lag’s an diesem Panettone, dieser Offenheit, dass er sich als "Pfäffiker" sah bis zu jener Gemeindeversammlung, die ihn so schonungslos auf seinen Platz verwies. Fremder "Fötzel"!

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Seine Selbstwahrnehmung als Jenischer? Seine Selbstwahrnehmung als Jenischer bestand während Jahrzehnten aus Grosis Zitaten ihres Nichtwissens, ein paar Versatzstücken aus Zeitungsartikeln, Romanen, Filmen und seinem gesunden Selbstbewusstsein, zu sein, was er ist und damit zufrieden zu sein. Er war über 50, als eben die 80er-Jahre ihn zwangen, seine Welt, seine Schweiz neu zu betrachten. Er besuchte und begleitete mich, lernte Stand- und Schrottplätze kennen, Messen und Märkte, und Jenische, jede Menge Jenische. Und er begann nochmals zu lesen. Er erlas sich die Eckpunkte seiner zweiten jenischen Identität. Er las seine Pro Juventute-Akten, er las die Beobachter-Artikel, den Scharotl, Albert Minders "Chorber-Chronik", Joseph Joachims "Lonny", Arthur Zimmermanns "Feckerchilbi von Gersau", Thomas Huonkers "Fahrendes Volk", Mariella Mehrs Bücher und meine Zeitungsartikel.

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