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 Beobachter 2/01

Thomas Huonker: «Wir müssen die Jenischen respektieren»

Die Schweiz hat im Zweiten Weltkrieg Fahrende in Registern fichiert und an der Grenze abgewiesen – auch Schweizer. Dies geht aus einem kürzlich erschienenen Historikerbericht hervor. Dessen Autor Thomas Huonker schildert die Details.

Von Mario Gsell
Bild: Gian Vaitl
 

Thomas Huonker, Jahrgang 1954, ist Lehrer an der Gestalterischen Berufsmittelschule Zürich und Historiker, wohnhaft in Zürich-Nord. Autor von «Fahrendes Volk – verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe» (Limmat-Verlag, Zürich) und «Roma – ein Volk unterwegs» (siehe Literaturtipps).

Beobachter: Sie schildern im Bericht verschiedene Schicksale. Diese waren zum Teil schon früher bekannt. Was ist wirklich neu am Bericht?
Thomas Huonker: Der Bericht ist die erste umfassende und auf Archivforschungen basierende Arbeit über den Umgang mit Roma, Sinti und Jenischen in der Schweiz im 20. Jahrhundert. Wir konnten nachweisen, dass die Behörden sich weigerten, an «Zigeuner» mit Schweizer Bürgerrecht Pässe auszustellen. Neu zeigen wir auch auf, wie alle Roma, Sinti und Jenischen in einem Zigeunerregister erfasst wurden und wie dieses mit Angaben von Interpol ergänzt und abgeglichen wurde.

Beobachter: Auch der Beobachter schrieb schon 1997 über eine in Ihrem Bericht erwähnte Familie, die von der Schweiz ausgeschafft und nach Auschwitz deportiert wurde.
Huonker: Es ist richtig, dass der Beobachter und auch andere Medien schon vor Erscheinen des Berichts über einige der darin dargestellten Fälle berichtet haben. Diese Artikel waren wichtig, denn sie zeigten die deutliche Lücke in der Geschichtsschreibung.

Beobachter: Sie erwähnten das Zigeunerregister. Was ist damit passiert?
Huonker: Das Register war eigentlich eine «Abweisungskartei». Diese Menschen wurden zwar registriert, aber nur in ganz wenigen Ausnahmefällen in der Schweiz aufgenommen. Das Zigeunerregister ist nur noch in Bruchstücken in anderen Aktenbeständen erhalten. Auch das Jenischenregister der Zürcher Kantonspolizei wurde vernichtet.

Beobachter: Gibt es ein solches Register noch?
Huonker: Nach Auskunft der Polizeistellen werden die Angehörigen dieser Minderheiten nicht mehr in Spezialfichen registriert. Die Registrierung wurde aber erst im Jahre 1990 eingestellt.

Beobachter: Sie befassen sich seit 15 Jahren mit dem Schicksal von Fahrenden. Weshalb?
Huonker: Das war ein Zufall, weil in meinem Wohnort Zürich-Nord ein Standplatz für Fahrende liegt. Anlässlich einer Begegnungsveranstaltung der Kirchgemeinde hörte ich zum ersten Mal von Betroffenen über ihre Verfolgung und Diffamierung. Seither liess mich das Thema nicht mehr los.

Beobachter: Zurück zum Bericht: Offenbar gab es Widerstände gegen die Publikation.
Huonker: Ja, auch innerhalb der Bergier-Kommission. Deshalb war es unsicher, ob der Bericht überhaupt erscheint; zudem wurde er mehrmals gekürzt. Viele konkrete Beispiele fehlen jetzt, und der Bereich Psychiatrie und Eugenik wurde stark gekürzt. Aber ich freue mich, dass der Bericht überhaupt erschienen ist und dass er ein gutes Echo hatte. Ich danke allen, die am Projekt mitgearbeitet haben.

Beobachter: Der Bundesrat hat den Betroffenen sein «tiefes Mitgefühl» für das begangene Unrecht ausgesprochen. Genügt diese Entschuldigung?
Huonker: Es ist wichtig, dass der Bundesrat die gemachten Fehler erkannt und sich entschuldigt hat. Jetzt muss der Alltag für diese Bevölkerungsgruppen verbessert werden. Zum Beispiel müssen sie vermehrt Stand- und Durchgangsplätze erhalten. Auch die Aufnahme von verfolgten Roma aus dem ganzen Gebiet des ehemaligen Jugoslawien und die Hilfe für wirtschaftlich bedrängte Roma in Osteuropa sind notwendig.

Beobachter: Hat der Bundesrat denn überhaupt aus den Fehlern der Vergangenheit seine Lehren gezogen?
Huonker: Die ganze Bevölkerung muss daraus lernen! Es darf nicht mehr passieren, dass wir Angehörige von verfolgten Minderheiten nicht aufnehmen. Aber es gab damals auch Leute, die sich für Roma, Sinti und Jenische einsetzten. Dies hat mich gefreut.

Beobachter: Der Holocaust-Fonds sah für Überlebende und für Nachfahren der Opfer 2000 Franken pro Person vor. Ist diese Entschädigung genügend?
Huonker: In einem Rechtsstaat muss meines Erachtens erlittenes Unrecht finanziell abgegolten werden. Auch wenn dies nur ein schwacher Trost für jene Menschen ist, die körperlich und seelisch schwer geschädigt wurden. Dafür sind 2000 Franken jedoch nicht genug.

Beobachter: Ohne Unterstützung haben es viele Jenische nach wie vor schwer, über die Runden zu kommen. Was kann man dagegen tun?
Huonker: Das ist richtig. Anfang der siebziger Jahre begannen sich Mitglieder der Jenischen zu organisieren, um sich für ihre Rechte einzusetzen. Seither ist viel Positives erreicht worden. Aber nach wie vor gibt es Vorurteile und Ausgrenzungen. Wir müssen die Kultur und die Lebensweise der Jenischen respektieren und einen normalen, gleichberechtigten Umgang pflegen.


 


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