Thomas Huonker, Jahrgang 1954, ist Lehrer
an der Gestalterischen Berufsmittelschule Zürich und
Historiker, wohnhaft in Zürich-Nord. Autor von «Fahrendes Volk
– verfolgt und verfemt. Jenische Lebensläufe» (Limmat-Verlag,
Zürich) und «Roma – ein Volk unterwegs» (siehe
Literaturtipps).
Beobachter: Sie schildern im Bericht verschiedene
Schicksale. Diese waren zum Teil schon früher bekannt. Was ist
wirklich neu am Bericht?
Thomas Huonker: Der
Bericht ist die erste umfassende und auf Archivforschungen
basierende Arbeit über den Umgang mit Roma, Sinti und
Jenischen in der Schweiz im 20. Jahrhundert. Wir konnten
nachweisen, dass die Behörden sich weigerten, an «Zigeuner»
mit Schweizer Bürgerrecht Pässe auszustellen. Neu zeigen wir
auch auf, wie alle Roma, Sinti und Jenischen in einem
Zigeunerregister erfasst wurden und wie dieses mit Angaben von
Interpol ergänzt und abgeglichen wurde.
Beobachter: Auch der Beobachter schrieb schon 1997
über eine in Ihrem Bericht erwähnte Familie, die von der
Schweiz ausgeschafft und nach Auschwitz deportiert
wurde.
Huonker: Es ist richtig, dass der Beobachter
und auch andere Medien schon vor Erscheinen des Berichts über
einige der darin dargestellten Fälle berichtet haben. Diese
Artikel waren wichtig, denn sie zeigten die deutliche Lücke in
der Geschichtsschreibung.
Beobachter: Sie erwähnten das Zigeunerregister. Was
ist damit passiert?
Huonker: Das Register war
eigentlich eine «Abweisungskartei». Diese Menschen wurden zwar
registriert, aber nur in ganz wenigen Ausnahmefällen in der
Schweiz aufgenommen. Das Zigeunerregister ist nur noch in
Bruchstücken in anderen Aktenbeständen erhalten. Auch das
Jenischenregister der Zürcher Kantonspolizei wurde
vernichtet.
Beobachter: Gibt es ein solches Register
noch?
Huonker: Nach Auskunft der Polizeistellen
werden die Angehörigen dieser Minderheiten nicht mehr in
Spezialfichen registriert. Die Registrierung wurde aber erst
im Jahre 1990 eingestellt.
Beobachter: Sie befassen sich seit 15 Jahren mit dem
Schicksal von Fahrenden. Weshalb?
Huonker: Das war
ein Zufall, weil in meinem Wohnort Zürich-Nord ein Standplatz
für Fahrende liegt. Anlässlich einer Begegnungsveranstaltung
der Kirchgemeinde hörte ich zum ersten Mal von Betroffenen
über ihre Verfolgung und Diffamierung. Seither liess mich das
Thema nicht mehr los.
Beobachter: Zurück zum Bericht: Offenbar gab es
Widerstände gegen die Publikation.
Huonker: Ja, auch
innerhalb der Bergier-Kommission. Deshalb war es unsicher, ob
der Bericht überhaupt erscheint; zudem wurde er mehrmals
gekürzt. Viele konkrete Beispiele fehlen jetzt, und der
Bereich Psychiatrie und Eugenik wurde stark gekürzt. Aber ich
freue mich, dass der Bericht überhaupt erschienen ist und dass
er ein gutes Echo hatte. Ich danke allen, die am Projekt
mitgearbeitet haben.
Beobachter: Der Bundesrat hat den Betroffenen sein
«tiefes Mitgefühl» für das begangene Unrecht ausgesprochen.
Genügt diese Entschuldigung?
Huonker: Es ist
wichtig, dass der Bundesrat die gemachten Fehler erkannt und
sich entschuldigt hat. Jetzt muss der Alltag für diese
Bevölkerungsgruppen verbessert werden. Zum Beispiel müssen sie
vermehrt Stand- und Durchgangsplätze erhalten. Auch die
Aufnahme von verfolgten Roma aus dem ganzen Gebiet des
ehemaligen Jugoslawien und die Hilfe für wirtschaftlich
bedrängte Roma in Osteuropa sind notwendig.
Beobachter: Hat der Bundesrat denn überhaupt aus den
Fehlern der Vergangenheit seine Lehren
gezogen?
Huonker: Die ganze Bevölkerung muss daraus
lernen! Es darf nicht mehr passieren, dass wir Angehörige von
verfolgten Minderheiten nicht aufnehmen. Aber es gab damals
auch Leute, die sich für Roma, Sinti und Jenische einsetzten.
Dies hat mich gefreut.
Beobachter: Der Holocaust-Fonds sah für Überlebende
und für Nachfahren der Opfer 2000 Franken pro Person vor. Ist
diese Entschädigung genügend?
Huonker: In einem
Rechtsstaat muss meines Erachtens erlittenes Unrecht
finanziell abgegolten werden. Auch wenn dies nur ein schwacher
Trost für jene Menschen ist, die körperlich und seelisch
schwer geschädigt wurden. Dafür sind 2000 Franken jedoch nicht
genug.
Beobachter: Ohne Unterstützung haben es viele
Jenische nach wie vor schwer, über die Runden zu kommen. Was
kann man dagegen tun?
Huonker: Das ist richtig.
Anfang der siebziger Jahre begannen sich Mitglieder der
Jenischen zu organisieren, um sich für ihre Rechte
einzusetzen. Seither ist viel Positives erreicht worden. Aber
nach wie vor gibt es Vorurteile und Ausgrenzungen. Wir müssen
die Kultur und die Lebensweise der Jenischen respektieren und
einen normalen, gleichberechtigten Umgang
pflegen.