"Bitte recht freundlich...!"

Über "die Zigeuner", die Fotographie und meinen Zwiespalt

von Venanz Nobel

publiziert in: Urs Walder, Nomaden in der Schweiz, A. Züst Verlag, Zürich, 1999

Ich rauche wie ein Bürstenbinder, der Bildschirm meines Computers verschwindet im Nebel. Ja, ja, wir Bürstenbinder, wir Fecker, wir Vaganten, wir Zigeuner, so sind wir eben... Ihr Sesshaften habt es ja schon immer gewusst. Und sicher das ganze Alphabet bedeckt mit Euren "Kosenamen". Auch wenn mir gerade keiner mit "A" in den Sinn kommt. Typisch ist ja, dass unser Erwerb, sei es Bürsten binden im Süddeutschen, als "Kessler" oder "Spengler" Pfannen flicken in der Innerschweiz, als "Chorbeni" Weiden flechten im Wallis, für Euch zum Volksbegriff und Schimpfwort wird. Mit diesen "Titeln" gebt Ihr zu, dass wir arbeiten, hart arbeiten. Trotzdem ehrt Euer Sprichwort nicht den Fleissigen, der heute aber wirklich "chrampfte wie ein "Schleifer"" (Nordwestschweiz). Der Triebhafte, der eben "raucht wie ein "Bürstenbinder"", erfüllt Eure Zigeuner-Träume und -Ängste.

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Durheim erfasste das fahrende Volk Mitte des letzten Jahrhunderts mit Kalotypien, im Auftrag des Schweizerischen Bundesrates, als weltweit erste fotografische "Kriminalkartei". Wenn wir diese Bilder heute betrachten, blicken uns stolze Vorfahren entgegen. Sie waren sicher ebenso stolz wie wir heute, Jenische, Manische, Sinti zu sein. Dass sie zu den ersten fotografierten Menschen überhaupt gehörten, ein Privileg, das sich die vermögenden Grossbürger teuer erkaufen mussten, liess sie auf dem gewiss harten Fotografen-Stuhl nochmals ein paar Zentimeter wachsen. Diese Bilder wirken auf uns Nachfahren 150 Jahre später sehr romantisch. Sie helfen uns auch ein Stück weit, uns gefühlsmässig im Weltall und der Unendlichkeit der Zeit zu verankern. Seht nur, dieser hier ist doch eindeutig mein Ururgrossvater - und jene dort, steht da nicht im Text, dass sie mit ihm verwandt war? Also ist sie Ururgrosstante, wir sind nicht allein auf dieser verdammten Welt! Schön sieht sie aus, gell? Der Ururgrossvater selber wird den Tag, an dem er sich so bereitwillig auf den Schemel setzte, wohl schon bald verdammt haben. Kaum war das letzte Bild geknipst, wurde es auch schon gegen uns verwandt. Jetzt konnte man uns viel handlicher schubladisieren, im Handumdrehen einer schon bestehenden Schublade zuordnen, uns "Heimatgemeinden" zuteilen mit "Bürgerrechten", die über weite Strecken Bürgerpflichten blieben.

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. Deshalb lehnt sich auch heute noch nur der ganz mutige Zigeuner so weit aus dem (Wohnwagen-) Fenster, dass er freiwillig die Presse holt und sich gar fotografieren lässt, um sich mit Hilfe der Öffentlichkeit hoffentlich besser für seine Rechte wehren zu können, z.B. wenn wieder ein Mal die behördliche Schliessung eines Standplatzes vor der Tür steht. Die meisten ziehen es vor, spätestens beim Eintreffen der "Uniformierten" ganz schnell ihr Bündel zu packen, brüllende Kinder und kläffende Hunde ins Auto zu stopfen, den Wohnwagen angehängt und das Weite gesucht! Mitten hinein ins Ungewisse, das ist auch heute noch des Zigeuners Los. Wenn ich aber trotzig vor dem Beamten stehe und ihm erwidere: "Ich bleibe hier, wo denn sonst?", entgegnet mir der Staatsträger heutiger Prägung: "Wir haben natürlich gar nichts gegen Fahrende! Im Gegenteil! Aber hier bleiben? Dann sind Sie ja gar kein Fahrender mehr!" Allen Ernstes lässt sich der Mann auf eine Diskussion mit mir ein und erklärt mir ganz geduldig, dass heute eine andere Zeit sei als früher, "gottseidank!", dass heute, "gottseidank!", die Antirassismus-Strafnorm gilt, ich als "Fahrender" also, "gottseidank!", geschützt sei, sofern ich wirklich ein Fahrender sei. Das gilt natürlich nur, wenn ich mein Gefährt sofort anhänge und damit abfahre. Das letzte "gottseidank!" lese ich nur in seinen Augen, denn er kennt ja die Antirassismus-Strafnorm genau. Und ist sicher kein Rassist. Er gab letzthin sogar seine Messer einem Fahrenden, der an die Tür klopfte, zum Schleifen, obwohl der Vorletzte, dem er sie gegeben hatte, höchstwahrscheinlich die Messer gar nicht geschliffen hatte, sondern nur das Geld kassierte, weil, irgendwie hatte er den Eindruck, dass die Messer nachher überhaupt nicht besser schnitten als vorher. "Und, ganz unter uns: vielleicht bin ich sogar auch ein bisschen ein Fahrender! Weil, meine Frau, die hatte eine Grosstante, und die hatte so einen stechenden Blick. Und in der Verwandtschaft sagte man immer: "Die stammt von den Zigeunern ab!" Ja, ja, wer weiss... Jedenfalls fährt meine Frau am liebsten mit unserm Wohnwagen an die Adria in den Ferien!"

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Vielleicht haben jene unserer Alten halt doch recht, die mir abends am Lagerfeuer erklären, dass der Fotograf immer auch ein Stück Seele einfängt und mitnimmt. Dass die Mächte des anderen Reichs, des Jenseits, es gar nicht gerne sehen, wenn wir uns fotografieren lassen. Weil das Foto die Grenzen der Zeit verwischt, das Gestern ins Morgen trägt, ihr Reich und ihre Macht angreift. Denn sie sind die Bewahrer der Erinnerung, sie haben das Recht, mit Weichzeichner das Geschehene im Rückblick der Erzählung erträglicher werden zu lassen. Das Bild spiegelt brutal und lässt uns zerbrechen! Aber heutzutage, wo uns doch ganze Generationen von Vorfahren fehlen, weil sie entweder im deutschen KZ oder mittels schweizerischer Gehirnwäsche vernichtet wurden, wo sollen wir da unsere Traditionen, unsere Identität, unser Vertrauen in die Kontinuität des Volkes, unsere "geistige Heimat" gar, herholen, wenn nicht von den paar wenigen Fotos, die erhalten geblieben sind? Sie geben uns das vage Gefühl, Verwandtschaft und Geschichte zu haben. So ergeht es auch mir, dem Zigeuner am Bildschirm.

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Sind wir Jenischen hier in der Schweiz unserm Schicksal, den Kinderheimen und "Winden", entronnen, wenn wir selbst glaubten, wir seien keine Zigeuner? Ich bin stolz, Nomade, Zigeuner, Jenischer zu sein. Und reise so langsam wie ich will.

Naschet Jenische! Upre Roma!

 

Angelo, Foto Urs Walder Clemente, Foto Urs Walder

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