Venanz Nobel

"Sehen und nicht gesehen werden"

Vortrag in der "Blinden Kuh", expo.02, Murten, 8.9.2002

 

Qwante Schin, latscho diwes, guten Tag

Ich freue mich, Sie hier zu sehen. Lachen Sie nicht, denn sehen wird oft mit Wissen gleichgesetzt. Ein Seher soll Einer sein, der mehr wisse, als man gemeinhin weiss. Und immerhin weiss ich, dass Sie hier sind, auch wenn ich Sie nicht sehe! Wenn wir hier auf der Bühne fertig sind und ans Tageslicht zurück kommen, werden wir die Rollen tauschen. Dann werde ich wieder sehen können, doch nicht gesehen werden.

Dass wir nicht gesehen werden, ist nämlich ein grosses Problem meines Volkes, der Jenischen. Ich möchte Ihnen hier ein aktuelles Beispiel erzählen: Gestern spazierte ich mit meiner Familie hier am See entlang. Ein Ehepaar kommt uns entgegen, aus der Richtung des "zigeunerischen" Infopavillons. Genau als wir uns gegenüberstehen, fragt die Frau ihren Mann: "Sag mal, und wo sind jetzt hier eigentlich die Zigeuner?"

Clevere Leute sind auf die Idee gekommen, diesen Pavillon zu bauen, wo Sie, verehrte Damen und Herren, sehr hautnah erleben, wie es ist, wenn man nichts sieht. Wie aber kann ich Ihnen demonstrieren, wie es ist, nicht gesehen zu werden? Nun, gerade handgreiflich möchte ich nicht werden, um Ihnen die Augen zu öffnen. Also versuche ich, mit ein paar Worten den bleibenden Eindruck zu hinterlassen, der manchmal hilft, Bekanntes beim nächsten Mal Neu zu sehen. Haben Sie schon Zigeuner gesehen in Ihrem Leben? Ich meine im wirklichen Leben, nicht im Fernsehen! Wie nahe waren Sie da? Von der Autobahn aus, im Vorbeifahren, haben Sie unsere Wagen gesehen? Sie verwechseln mich, ich habe nämlich eine Wohnung! Ah, ein Hausierer hat bei Ihnen auch schon geklingelt! Sie haben gar ein paar freundliche Worte getauscht, ihm etwas abgekauft? Sie verwechseln mich schon wieder, ich gehe nämlich nicht hausieren.

Aber Sie sind garantiert schon mehrmals mir oder einem meiner Brüder begegnet, ohne uns zu sehen, zu erkennen. Nach amtlichen Schätzungen leben in der Schweiz rund 35'000 Jenische und ebensoviele Rom, das ist also 1 Prozent der Bevölkerung, einer von Hundert. Statistisch gesehen, sitzt also in jedem Eisenbahnwagen, in jedem Kino ein Zigeuner irgendwo neben Ihnen. Und in der Migros kreuzen sich Ihre Einkaufswagen. Wenn sie zusammenstossen, sagt er "Pardon", sie erwidern: "Ist ja nichts passiert!" Sie gehen weiter und haben ihn wieder nicht gesehen. Das kann ich Ihnen aber auch gar nicht übel nehmen. Denn wir gebären, leben, lachen und sterben genau wie Sie, nur manchmal ein bisschen anders. Wir essen, trinken, musizieren, genau wie Sie, nur manchmal ein bisschen anders. Es gibt bei uns solche, die Schwyzerörgeli spielen, allerdings meist ein bisschen anders. Andere wiederum spielen Gitarre, Geige oder Bass, auch das meist ein bisschen anders. Ich darf Ihnen hier meine Freunde vorstellen: Cornelius Solbach, Florent Kirchmayer und Tschawo Minster, mit einem Wort: Latsche Tschawe. Und wie Latsche Tschawe tönt, hören Sie hier nun.

Haben Sie über die immense Zahl nachgedacht? 70'000 Fahrende, die würden zusammen mit ihren Wohnwagen etliche Parkplätze bei Ihren Einkaufszentren füllen. Jenische, Roma, Sinte, Manusch, das sind aber in erster Linie Menschen. Nur 5 bis 10 Prozent von ihnen kann man wirklich als Fahrende bezeichnen. Und doch hat der Wohnwagen, der Scharotel, und das Zusammensitzen am Lagerfeuer bei uns eine magische Bedeutung, steht auch im Mittelpunkt unserer Ueberlieferungen und Geschichten. Ich habe Sie vorhin ein bisschen angeschwindelt. Es ist nämlich so, dass ich bis vor kurzem auch im Wagen durchs Land zog und an Ihren Glocken klingelte. In der Wohnung zu sein, ist noch ziemlich neu für mich. Deshalb kann ich Ihnen auch noch das Versprechen vom Plakat einlösen und Geschichten erzählen, Geschichten aus meinem Leben, die Ihre romantischen Erwartungen vielleicht noch ein bisschen erfüllen können.

Wohl das letzte Mal, dass so viele Jenische auf einem Festplatz zusammen sassen wie jetzt hier an der expo, war vor rund 10 Jahren in Gersau an der Feckerchilbi. Kennen Sie die Feckerchilbi? Das Dörfchen Gersau liegt am Vierwaldstättersee, in einer Bucht am Abhang der Rigi, privilegierte Südlage. Gersau hat das mildeste Klima der Gegend, da wachsen sogar Palmen. Und Gersau hat eine eigene Geschichte, die andere Dörfer neidisch machen kann. 600 Jahre lang war Gersau nämlich nicht nur ein Dorf, sondern eine eigene Republik. Erst die moderne Bundesverfassung von 1848 hat Gersau zu einem unbekannten Fleck auf der Schweizer Karte gemacht. Diese Republik hatte natürlich wie jeder rechte Staat auch seine Gesetze. Eines dieser Gesetze müsste ich nach heutigem Massstab beim Europäischen Menschrechtshof als Diskriminierung eines ganzen Volkes einklagen. Gersau verbot nämlich Hausierern, Fahrenden, Zigeunern, oder, wie wir eben in der Zentralschweiz heissen, Feckern den Zutritt und Aufenthalt in seinem Staatsgebiet. Andere Zeiten, andere Sitten. Dieses Verbot war gleichzeitig auch eine Einladung. Einmal jährlich nämlich, am Auffahrtswochenende, war in Gersau 3 Tage lang Feckerchilbi. In dieser Zeit durften alle kommen, waren alle eingeladen, eingeladen im wörtlichen Sinne.

Jenische Familien aus allen Landesteilen strömten hier zusammen. Jede versuchte, als erste am Ort zu sein und sich den schönsten Lagerplatz zu sichern, vielleicht romantisch direkt an den Gestaden des Sees oder herrschaftlich oberhalb des Dorfes mit wunderbarem Rundblick auf die Zentralschweizer Alpen. Wenn der Platz bezogen war, suchten die Familien das Dorf heim. Der Brauch gebot den Gersauern nämlich, an diesem Tag den Feckern zu geben. So sammelten diese Speis und Trank ein, die Steuern, das Entgelt quasi für das Zigeunerverbot, in Naturalien. Sicher ist an jedem Lagerplatz jemand zurückgeblieben, der das Feuer schon vorbereitet hat. Denn zu den üblichen Gaben der Gersauer gehörten Mehl, Schmalz und alle übrigen Zutaten, die es brauchte, um die traditionellen "Feckerchüechli" zu backen. In guten Zeiten, wenn die Gersauer keine Not litten, hatten auch die Gäste keinen Grund zu klagen. Der Teig der "Feckerchüechli" wurde auf Haselstecken gesteckt und am offenen Feuer gebraten. Die alten Chroniken berichten, dass es dabei des öftern so hoch zu und her ging, dass die Küchlein direkt vom Stecken aus hoch in die Luft geschleudert wurden, fast wie beim "Calanda Mars", dem Bündner Brauch, wo die dortige Dorfjugend Feuerscheiben vom Berg ins Tal schleudert.

1848 war nicht nur für die Gersauer ein schwarzes Jahr, in welchem sie ihre Republik verloren. Die Jenischen von weither verloren das wichtigste Fest und Treffen in ihrem Jahreskalender. Denn die Regierung des Kantons Schwyz, der sich Gersau einverleibt hatte, verbot diese Feckerchilbi in mehreren Erlassen ausdrücklich. Mehrere Erlasse waren nötig, weil die Feckerchilbi doch noch ein paar Jahre weiter bestand. Dazu mögen die Gersauer selbst beigetragen haben, die sich ihre Dorffeste natürlich ungern verbieten liessen, zumal die Fecker ja auch Musik und Geschichten aus der weiten Welt mitbrachten. Andererseits hat es sicher auch mehrere Jahre gedauert, bis die Kunde vom Verbot bei allen Gästen durchgedrungen war. So kamen wohl von Jahr zu Jahr weniger Fahrende nach Gersau, denn nur wegen eines Festes wollte sich ja keiner mit den Landjägern anlegen.

Und unter dem Jahr waren die Gersauer wohl weder gastfreundlicher noch freigiebiger als andere Schweizer. So haben sich die traditionellen Gersauer Dorfgesetze und das neue Schwyzer Gesetz unausgesprochen, aber wirkungsvoll vereint und Gersau für lange Zeit wohl zur ersten wirklich zigeunerfreien Zone der Schweiz gemacht.

Als in den 1980er-Jahren ein Gersauer Festkomitee zum Jubiläum der Republik auch wieder eine Feckerchilbi abhalten wollte, mussten die Gersauer beim Regierungsrat des Kantons Schwyz eine Bewilligung einholen, denn das Verbot von 1848 wurde nie ausser Kraft gesetzt.

Die Jenischen und die Gersauer versuchten zusammen, an den alten Traditionen anzuknüpfen. So fanden in loser Folge wieder einige Feckerchilben statt, in der zeitgemässen Variante natürlich durchorganisiert mit einem OK von Dorfnotablen und einem jenischen Beirat. An der Feckerchilbi selbst war dann jeweils aber nicht allzu viel davon zu spüren, die vielen Musiken und der berühmt-berüchtigte Fecker-Kaffee liessen die anarchischen Freuden früherer Zeiten wieder aufleben.

(Musik)

Am Sonntag Morgen aber vereinte sich das Dorf und die Jenischen ganz brav auf der Wiese neben der Dorfkirche, wo ein Gottesdienst gefeiert wurde. Gläubig sind wir nämlich auch, manche sogar sind mehr als gläubig, nämlich abergläubisch. Ich glaube, es war bei der dritten Feckerchilbi, als ich mit ein paar befreundeten Familien einen gemeinsamen Standplatz beziehen wollte. Die Leute vom Gersauer OK zeigten uns, nichts Böses ahnend, einen ausreichend grossen Parkplatz, wo unsere 5, 6 Wohnwagen Platz gefunden hätten. Da haben sie die Rechnung aber ohne Daniel gemacht! Während Geri vom OK schon den Wasserhahn und die Stromleitung zeigen wollte, gab es für Daniel kein Halten mehr: Was meint Ihr eigentlich, wer wir sind! Herrschte er Geri an. Willst Du mich ins Unglück stürzen? Hier kannst Du ja selber wohnen, wenn Du Mut hast, aber Du hast ja Dein schönes Haus oben auf dem Hügel. Entgeistert musterte Geri sein Gegenüber. Daniel hätten weder 1000 Pferde noch ein Versprechen auf einen Sack Gold auf diesen Platz bringen können. Der Parkplatz grenzte nämlich an die Friedhofsmauer. Hinter dieser Mauer wohnt der Mulo, der Geist der Toten. Wer weiss, welche Nacht er über die Mauer steigt? Und wenn ihm dann ausgerechnet unsere Wohwagen im Wege sind? Was dann?

Nach vielem Ratschlagen kam Geri die glänzende Idee. Geri ist der örtliche Bauunternehmer. In diesem Jahr war er gerade daran, mitten im Dorf ein grosses Grundstück zu überbauen. "Dann haben meine Arbeiter halt ausnahmsweise einen Tag frei!" beschloss er und liess uns kurzfristig auf das bereits mit Kies begradigte Bauland fahren. Das war für uns wirklich ein komfortabler Platz, Daniels Angst hat sich für uns alle bezahlt gemacht. Wir wohnten mitten im Geschehen, hatten Abends keine langen Heimwege und am Morgen den Feckermarkt, wo wir unsere Stände aufstellten, auch gleich vor der Wagentür.

Der zweite Abend war gemütlich wie gewohnt. Wir lauschten unsern Musikanten, prosteten einander zu und assen die Dorfspezialität, eine Käsewähe. Weil am nächsten Morgen ja schon früh Tagwacht ist, gingen wir auch nicht erst zur Unzeit ins Bett. Kaum aber war ich eingedöst, begann es an meinem Wagen zu rütteln. Und dann klopfte es an der Tür, nachts um halb eins! Verschlafen öffnete ich, Daniel flüsterte mir zu: "Du, da draussen ist ein riesengrosser Tschueper. Der Schatten dieses Gespenst verdunkelt den halben Platz und bewegt sich hin und her. Mir ist unheimlich. Ich denke, wir sollten uns in Sicherheit bringen." Da hörte man auch noch ganz unheimliche quietschende Geräusche. Ein Föhnsturm kam auf, der Baukran drehte sich langsam im Wind hin und her!

Im nächsten Jahr hatte ich keine Gespenster mehr zu bekämpfen, zusammen mit 2 andern Familien bewohnten wir ein kleines Plätzchen direkt am Ufer und fühlten uns unsern Vorfahren sehr nah, die da ein Mal pro Jahr leben konnten wie die Fürsten oder Gott in Frankreich.

Frankreich, für viele Leute das Land der Zigeuner, genährt durch Bücher und schöne Bilder von der Prozession in Les-Saintes-maries-de-la-mer.

Frankreich, für viele Leute das Land der Zigeuner, genährt durch Schweizer Zeitungsmeldungen über Einbrecherbanden, die früher Zigeunerbanden hiessen. Dann durften die Journalisten das Wort Zigeuner nicht mehr benutzen. Also schrieben sie jetzt von den Fahrenden, die bandenmässig einbrechen. Aber immer noch kommen sie konsequent aus dem Elsass. Bürokratischer Gipfel dieser Entwicklung war, als diese Einbrecher plötzlich MEM waren, Mitglieder einer MEM-Gruppe. Sie wissen nicht was MEM ist? "Mobile Ethnische Minderheit", die die Schweiz von Westen her bedroht!

Wo kommen wohl Frankreichs Einbrecher her? Wohl aus Spanien, denn Frankreich hat im Westen nicht viele Nachbarländer, aber Spanien hat viele Gitanos und die ernähren sich wohl kaum alle vom Flamencotanzen!

So nah beieinander können Romantik und Vorurteil liegen. Gerne gepflegt wird in unsern Zeitungen auch das Cliché von "unsern Zigeunern". Viele Schweizer glauben, die Jenischen seien eine Schweizer Eigenart. So etwas ähnliches wie Appenzeller, nur eben auf Rädern. Die Medien basteln an diesem Mythos ebenfalls kräftig mit. Hier die Guten Zigeuner, unsere Jenischen, die alle vom Sozialamt leben, weil sie Opfer des sogenannten "Hilfswerks Kinder der Landstrasse" sind. Dort die bösen Zigeuner, die Ausländer, die unsere Gastfreundschaft ausnützen für ihre Diebeszüge. Nein, viel hat sich wirklich nicht geändert, seit die junge Schweizer Eidgenossenschaft eine Handvoll Jenischer in ihr Bürgerrecht aufnahm und kurz darauf die Grenzen schloss für alle Zigeuner, ein Transportverbot auf Eisenbahn und Schiffen erliess, wohl in der Hoffnung, dass die unerkannt Einreisenden zu modern und bequem seien, immer noch auf der Landstrasse zu reisen.

Wohl hat der Bund Anfang der 70er-Jahre das Einreiseverbot aufgehoben und das sogenannte Hilfswerk geschlossen. Schliesslich will die Schweiz ein modernes Land sein, das sich nicht allzu häufig vor der Europäischen Menschenrechtskommission schämen will. Doch in neuester Zeit lehnte es das Parlament dieses Landes ab, die Konvention zum Schutz indigener Völker zu unterzeichnen, mit der Begründung, wir Fahrenden würden sonst womöglich aus dieser Konvention Forderungen für uns ableiten. Ja, Ihr Herren Parlamentarier, wir sitzen tatsächlich gerne halbe Nächte um unser Lagerfeuer, erzählen uns Geschichten von gespenstischen Kranen, hübschen Frauen, lauten Kindern und früheren Zeiten. Aber wir malen unsere Gesichter nicht rot an und schreien nicht Hua-Hua, in der Hoffnung, gleich behandelt zu werden wie die Sioux in Amerika. Denn diejenigen, die das weisse Gemetzel überlebt haben, sind heute gefangen in Reservaten. Und mit Ghettos hat Europa doch wahrlich genug Erfahrungen gemacht.

Frei wollen wir sein, ganz wie es auch in Euern Schweizer Geschichtsbüchern steht, frei wie die Väter waren. Und deshalb berufen wir uns auf Eure eigene Bundesverfassung, die ja für alle die Aufenthalts- und Niederlassungsfreiheit garantiert. Diesen Garantieschein möchten wir gerne einlösen können, ohne dass jeder Dorfpolizist uns vorhalten kann: "Ihr seid doch Fahrende, dann fahrt jetzt weiter, hier gibt es weder Aufenthalt noch Niederlassung!"

Schauen Sie sich bitte ein wenig um, wenn Sie das nächste Mal in Ihrer Dorfkneipe sitzen. Zählen Sie ganz langsam und ruhig bis Hundert, dann haben Sie mich gefunden, auch mit geschlossenen Augen. Lassen Sie sich überraschen. Vielleicht bin ich von Beruf Magaziner in Ihrer Eisenwarenhandlung oder Bürolist bei Ihrer Versicherung. Kann aber auch sein, dass ich Ihnen wahrsage und einen Teppich verkaufe. Ich wünsche Ihnen allen noch ein spannendes Leben mit vielen gemütlichen und abwechslungsreichen Begegnungen am Kiosk, auf dem Schiff oder an Ihrer Haustür.

© Venanz Nobel, 2002