Ein längeres Posting zur Trujal-Diskussion über Vorbehalte zwischen Jenischen und Sinte



Qwanter Schein, latscho diwes, guten Tag (habe ich jetzt Alle begrüsst?)


Eine Warnung vorweg: kann gut sein, dass das wieder Mal ein längeres Posting von mir wird und ein sehr jenisches dazu. Aber es gibt ja das Ding mit Rädchen und Knopf, muss also KeineR zu Ende lesen ;-)

Erstmal zum Titel der Rubrik: es gibt diese Vorbehalte auf beiden Seiten, d.h. es gibt auf beiden Seiten "solche mit und solche ohne". Als Bewohner der Schweiz kenne ich die hiesigen Verhältnisse am besten, zumal ich die nun ein mittellanges Leben selbst ertrage. Seit bald 15 Jahren lebe ich vorwiegend in einer speziellen Ecke der Schweiz, im Dreieckland CH-D-F. Ich lasse mich nun mal über meine Einschätzung des Sinte/Jenisch-"Rassismus" in diesen 3 Ländern aus. Ich hoffe sehr, dass sich endlich auch mal ein österreichischer oder deutscher Jenischer ein Herz fasst und seinen Senf dazu gibt!


über das Verhältnis Jenische-Sinte in der SCHWEIZ
über das Verhältnis Jenische-Sinte in DEUTSCHLAND
über das Verhältnis Jenische-Sinte in FRANKREICH
über das Verhältnis Jenische-Sinte in OESTERREICH
über die Sprache der Jenischen
über die Herkunft der Jenischen

Also, bei uns in der Schweiz erlebe ich folgendes: Von den reisenden Jenischen sind rund 2/3 den Sinte gegenüber offen bis sehr positiv eingestellt, gehen z.T. gemeinsam auf Reise, haben Verwandte und Verheiratete hüben und drüben. 1/3 der reisenden Jenischen hingegen lebt isoliert & abgegrenzt gegenüber allen andern Reisenden. Die Sinte/Manischen bei uns erlebe ich (aus der Sicht des Jenischen ;-), wär doch toll, wenn sich auch Schweizer Manische hier einklinken würden!) als ca. halb/halb im Sinne von die Hälfte von ihnen verkehrt eher mit den Jenischen, die andere Hälfte eher mit den Rom. Der "grosse Graben" verläuft daher eher zwischen den Jenischen-Manischen einerseits und den Rom andererseits. Es gibt auch unter den mit Manischen reisenden Jenischen etliche, die eine mir unverständliche schroffe Kluft gegenüber den Rom ziehen. Bei den "Betonjenischen", wie wir mittlerweile die HausbewohnerInnen (und somit seit ein paar Jahren auch mich) halb scherzhaft bezeichnen, ist der Isolationismus deutlich grösser, die Ablehnung alles "Nichtjenischen" stärker. Bei denjenigen Betonjenischen hingegen, die der "reisenden Multikulti-Fraktion" zuzurechnen sind, ist gar eher eine Sinti- & Rom-Begeisterung zu spüren & zu hören. Zu den Schaustellern haben die Schweizer Jenischen wenige Beziehungen, da ist man allgemein eher auf kühler Distanz. Eine Welt wurde bisher noch nicht erwähnt: die Zirkusleute. In der Schweiz haben wir meines Wissens nur einen Sinti-Zirkus, hingegen sind etliche der kleineren und mittleren Zirkusse jenischer Abstammung und grösstenteils auch heute noch in jenischem Besitz, daher "meiner Welt" zuzurechnen. Aus einer dieser jenischen Zirkusfamilien hat sich vor ca. 2 Generationen auch ein Schaustellerzweig entwickelt, was noch ein paar wenige Kontakte der Jenischen zu den Schaustellern leben lässt. Der Grossteil dieses Schaustellerzweigs hat aber nur noch Kontakt zur engeren Zirkusverwandtschaft, sich im übrigen aus der jenischen Welt zurückgezogen und versteht sich nicht mehr als jenisch sondern als Schausteller.

In Frankreich erlebe ich als Besucher eigentlich grösstenteils ein freundliches "laisser-vivre". Ueber die Verhältnisse der diversen "Beton-Gruppen" in Frankreich kann ich keine Aussage machen, da ich diese kaum kenne. Hingegen sind die reisenden Rom, Manouches, Yéniches jeweils so grosse Gruppen, dass sie (im Gegensatz zur Schweiz) nicht auf gemeinsames Reisen, gemeinsame Plätze usw. angewiesen sind. Sie leben eher jede Gruppe für sich mit gegenseitigem Respekt und freundschaftlichem Kontakt an den Orten, wo man sich begegnet: auf den Märkten, beim Musizieren... In Südfrankreich beobachte ich ein mir schleierhaftes Phänomen: da gibt es ganze Talschaften, die nur von Manouches bewohnt sind (pardon, es gibt natürlich überall Gadjes ;-) ), während die andern Täler wiederum nur von Jenischen angereist werden. Auch wenn ich in Südfrankreich in eine Gegend komme, die ich noch nicht kenne, sehe ich mittlerweile schnell, welches "jenische Täler" sind und welches "manische". Ich kann Euch aber nicht in Worte fassen, woran ich das erkenne! In den Gross-Städten und auf den Märkten sind dann die gemeinsamen Orte.

In Deutschlands Südwestzipfel, von Basel bis so ca. Freiburg und Lahr, bin ich ab und zu als Gast auf Flohmärkten anzutreffen. Und hier ist für mich oft (und mittlerweile leider nicht mehr überraschend/schockierend) sehr physisch spürbar, welche Kluft zwischen Sinte und Jenischen herrscht. Die jeweiligen Verkäufer stellen ihre Marktstände möglichst weit von der andern Gruppe auf, je mehr deutsche Marktfahrer dazwischen ihre Zelte aufstellen, desto besser! Man "umschleicht" und "beäugt" sich (ich hoffe Ihr versteht meine manchmal kuriosen Helvetismen?), aber wirkliche Kontakte oder gar Freundschaften sehe ich von aussen sehr selten (keine Regel ohne Ausnahme!). Um das aber genauer beschreiben oder gar Gründe dafür nennen zu können, sind eindeutig die jeweiligen LandsmännInnen gefordert: Sinte, Sintezze, Jenische: greift in die Tasten! Auch ist es so, dass es meines Wissens zwar früher Jenische gab in der deutschen Schaustellerei (Engelbert Wittich hat z.B. Kasper-Theater-Geschichten aufgeschrieben, die von jenischen Wanderbühnen auf den Kirmessen dargeboten wurden), heute aber auch hier kaum mehr Kontakte zwischen Jenischen und Schaustellern existieren. Ich habe in der neueren Zeit jedenfalls noch nie gehört, dass es in Deutschland jenische Schausteller gibt. Schon viel gehört habe ich von den deutschen Sinti-Zirkussen, jedoch wissen auch meine besten Zirkusfreunde nichts über Jenische in Deutschen Zirkussen oder gar von jenischen Zirkussen in Deutschland. Nachtrag 18.11.2002:Per e-mail wurde ich aus Deutschland heute darüber informiert, dass es nach wie vor in Deutschland viele jenische Schausteller gibt und dass auch ein jenischer Zirkus in Deutschland reist: der Zirkus Renz. Ich danke der Einsenderin für Ihre Information!

Was Oesterreich betrifft, kann ich nur feststellen, dass mein jenischer Freund dort, der Schriftsteller Romed Mungenast, das grösstenteils freundliche Verhältnis zu den Sinte ähnlich beschreibt wie im Trujal-Forum Falke. Romed liegt schwerkrank im Spital und ist bisher leider nicht selbst im Cyberspace anzutreffen. Ich hoffe, dass er den Anschluss hier finden wird, wenn es seine Gesundheit wieder zulässt!

Soweit mal die Feststellung des Ist-Zustandes. Woher das aber kommt, ist eine viel schwierigere Frage für mich. Wie oben beschrieben, kocht diese "innerzyganische Rassismus-Suppe" bei uns in der Schweiz offensichtlich auf wirklich sehr viel kleinerer Flamme als in Deutschland, vielleicht weil die Schweiz ein so viel kleineres Land und wir Reisenden auch so viel kleinere Gruppen sind, sodass wir rein vital darauf angewiesen sind, zusammen zu halten, gemeinsam um Plätze zu kämpfen z.B. und so auch die Freundschaften und Ehen halt einfacher entstehen und bestehen können. Weshalb sich die Jenischen z.B. in Deutschland aber bisher in der Oeffentlichkeit (abgesehen von Wittichs Schriften um 1910-1930) dermassen überhaupt nicht zu Wort melden, bisher keine Organisation gegründet haben, etc. kann ich Euch wirklich noch nicht erklären. Das ist auch mir ein grosses Rätsel. Hätten sie sich ab den 1960er-Jahren ähnlich organisiert und ihre Rechte eingefordert wie die Sinte in Deutschland oder wir Jenischen in der Schweiz, würden sie heute sicher anders dastehen, wäre wahrscheinlich dieser Beitrag im Jahre 2002 überflüssig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jenischen in Deutschland allesamt dümmer sind als die Sinte oder die Jenischen in der Schweiz, woran also liegt es? Vorab hoffe ich natürlich, dass sich das bald ändert und dass auch die Geschichte der Jenischen in Deutschland bald in einem andern Lichte erscheine!

Oft hört oder liest man, wir Jenische würden Rotwelsch reden. Rotwelsch wird von altersher bis heute oft als "die Gaunersprache" bezeichnet. Man könnte es auch als "die Gassensprache" bezeichnen. Ich denke Rotwelsch ist eigentlich ein Konstrukt, das in den Schreibstuben der Studierten entstanden ist, Rotwelsch gibt es gar nicht! "Auf der Gasse", auf der guten alten Landstrasse, haben sich durch all die Jahrhunderte die verschiedensten Leute getroffen: Jenische, Sinte, Rom, fahrende Juden, Söldner, Gauner (ja, auch die!), Landstreicher, Bettler, Viehhändler....Liste beliebig verlängerbar.

Was all diese Leute miteinander gesprochen haben, war ein babylonisch, das der Verständigung diente, so wie wir z.B. ja auch im Trujal-Chat und im jenischen Chat Romnes mit Deutsch, Englisch und neuerdings Jenisch mischen. Oder so wie auf den Baustellen der 50er- und 60er-Jahre der Bauführer mit den spanischen und italienischen Arbeitern ein "Baustellen-Chinesisch" reden musste, das bei uns in der Schweiz sehr stark vom Italienischen geprägt war. Dass auf dem Markt bei Verkaufsverhandlungen das gutbürgerliche Gegenüber, auf der Landstrasse der Landjäger, im Gerichtssaal der Richter dieses Babylonisch schwer bis nicht dechiffrieren konnte, konnte allen Beteiligten ja nur recht sein, da sie so auch in kritischen Momenten über die Gruppengrenzen hinweg die gemeinsame Sprache anwenden konnten. Natürlich war das Interesse der "Gegenseite" gross, diese Rätsel lösen zu können. So wurden nicht zu letzt die Gauner in den Gefängnissen über diese Sprache ausgequetscht , gar mit Folter die Worte aus ihnen geprügelt. So entstanden die Rotwelsch-Bücher! Und daran hat sich bis heute Nichts geändert!

Ich kann als Beispiel einen Germanisten anführen, der kürzlich verstorben ist. Robert Schläpfer (so hiess er) interessierte sich als "Sondersprachen-Forscher" für das Jenische. Ein befreundeter Gefängnisdirektor rief ihn in den 50er-Jahren an und meldete, er hätte einen Gefangenen, der sehr gut jenisch spreche. Schläpfer umwarb diesen Mann, der hauptsächlich wegen Sittlichkeitsverbrechen, die bei uns Jenischen genau so verpönt sind wie bei Euch Sinte, immer wieder im Knast sass, solange, bis er gar dessen Vormund werden durfte. Der Knastbruder gab sein Sprachwissen mit der Aussicht auf Vergünstigungen natürlich bereitwillig preis. Er schrieb sogar seine eigenen Memoiren. Bloss wurden die nie veröffentlicht bis... Robert Schläpfer vom Schweizerischen Nationalfonds, einer Organsation zur Finanzierung der Wissenschaft, fast eine halbe Million Franken bekam zur Beendigung seines Lebenswerkes. So entstanden 2 Bücher. Das erste hiess "allein auf dieser verdammten Welt" und war eigentlich über weiteste Strecken die Autobiographie des Knasties. Schläpfer vermied es tunlichst, anzumerken, dass er der Vormund seines "Forschungsobjekts" war, was ja jedem Ansatz nach Unabhängigkeit der Forschung hohn spricht. Sein Opfer aber beschreibt in seiner Autobiographie sehr detailliert sein Leben auf der Landstrasse, das er von Kindsbeinen an kannte. Er betonte an jeder Stelle: "dann sind wir Jenischen begegnet...dann trafen wir Zigeuner, usw. usf.", klarmachend, dass er nicht dazugehört. Dieser Mensch also war Schläpfers Gewährsmann für seine Sprachforschung. Klar, dieser Mensch sprach wirklich Rotwelsch, nämlich eben das "Gassen-Babylonisch", das er bei seinem Vater, bei den "Vögeln der Landstrasse" im weitesten Sinne, im Knast usw. lernte. Und jetzt kommt der Hammer: Band 2 von Schläpfers Lebenswerk, posthum von seinem Mitarbeiter H.J. Roth publiziert, heisst "Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz", erschienen im Huber-Verlag, Frauenfeld 2001!

Während langer Zeit haben die Sprachwissenschafter also die Strasse belauscht und das Aufgezeichnete "Rotwelsch" genannt, gehen heute aber dazu über, das Selbe unter dem Titel "Jenisch" zu vermarkten, was aber weder mit uns Jenischen noch mit unserer Sprache etwas zu tun hat! Dass Jenisch aber nicht gleich Rotwelsch ist, ergibt sich für mich u.a. daraus, dass das Wort "Jenisch" ein jenisches Wort ist, das auch auf das Sanskrit zurückgeführt wird und laut Kennern des Sanskrit "wissend, sehend" bedeutet, während "Rotwelsch" eine germanische Wortschöpfung ist. (Klingeln keine Glocken bei Euch, die Diskussion über die Namen Sinte oder Zigeuner z.B.?) Der Duden 7: Das Herkunftswörterbuch weiss darüber folgendes: rotwelsch: "rot" = "falsch" und veraltet "welsch" = "romanisch", also eigentlich etwa "unechte romanische Sprache".

Der Wortteil "welsch" kommt, entgegen viel Gehörtem, sicher nicht aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Das germanische Wort "welsch" bedeutete nämlich "Fremd" und wurde im Verlauf der Zeit immer stärker mit den romanischsprachigen Leuten und Ländern (Italien, Frankreich, usw.) verknüpft, sodass die Deutschschweizer eben ihr damaliges französischsprachiges Untertanenland "Welschland" nannten, eben Land, wo "welsch", also "fremd" gesprochen wird. Rotwelsch bezeichnete einfach eine für die damaligen Sprachforscher unbekannte "Fremdsprache".

Die Jenischen als Leute und das Jenische als Sprache tauchen zwar auch schon im 16. Jahrhundert als Randnotizen der Chronisten auf. Sie waren für die Chronisten aber offenbar immer schwieriger eindeutig zu identifizieren als z.B. die Roma, waren offenbar weniger "augenfällig", weshalb sie oft einfach in den allgemeinen Beschreibungen des Bettelvolkes, der Diebe und des übrigen Gesindels ohne namentliche Erwähnung mitgezählt wurden. Wir Jenischen heute müssen uns also dagegen wehren, dass unsere Sprache einfach mit dem Rotwelsch gleichgesetzt wird, im Extremfall gar neueste Rotwelsch-Bücher sich mit dem Titel "jenisches Wörterbuch" schmücken!

Nun zur jenischen Sprache: Genau so, wie es Rom gibt, die keinerlei Romnes mehr sprechen und genau so, wie sich auch Manisch, Romanes und wie all die (soll ich jetzt "Dialekte" sagen?) "Varianten" im Verlauf der Zeiten verändert haben und immer noch verändern (woraus die Sprachhistoriker dann ihre "Landkarten der Wanderreisen" basteln), genau so wenig gibt es das eine reine und wahre Jenisch. Ich kann nur schon in der Schweiz anhand des jeweiligen jenischen Dialekts jeden Jenischen geografisch und/oder familiär zuordnen! Wenn Sie nun "richtiges Jenisch" lernen wollen, kann ich Ihnen nur einen Weg empfehlen: Schalten Sie den Computer ab, gehen Sie hinaus. Die Jenischen am Lagerfeuer wissen sehr genau, wer was wissen soll, denn "Jenische" heisst ja: "die Wissenden" ...

Immer wieder werden wir gefragt, woher die Jenischen kommen. Ueber die Herkunft der Jenischen gibt es unzählige Legenden, Andeutungen und Meinungen. Gerade gestern habe ich einem befreundeten Sinto ein Mail zu diesem Thema gesandt. Ich füge es hier "Paste & copy" ein, mein Freund kann ja drüber weglesen ;-)

"Weisst Du noch, unsere Diskussion im Chat, woher die Jenischen kommen?

Nun, hier meine Version (nicht nur meine, ich hab sie nicht erfunden, aber es ist die, die mich logisch dünkt):

Der ganze Anfang der Menschheit war nomadisch. Mit der Zeit begannen gewisse, sich Tiere zu halten. Und dann begann der Ackerbau. Auch das war am Anfang noch nomadisch, sie haben immer wieder neue Brandrodungen gemacht, weil sie noch nicht wussten, wie sie einen Acker über Jahre hinweg fruchtbar halten können. Je mehr sie aber über Land- und Viehwirtschaft wussten, desto langsamer wurde ihre Reise, bis sie sesshaft wurden. Ein Teil aber ist nomadisch geblieben, das sind die nomadischen Völker der ganzen Welt, wie wir sie heute noch kennen.

Unsere Vorfahren, ob Sinte, Rom, Jenische hatten's auch vor 200 und mehr Jahren nicht leicht. Denn je mehr Sesshafte es gab, desto konsequenter beanspruchten sie alles Land für sich und tolerierten uns immer weniger, auch nicht mehr auf den Allmenden, höchstens noch im Sumpfland, das es mittlerweile ja auch kaum mehr gibt. Der Grundbesitz der Sesshaften richtete sich nicht nur gegen uns, der Grundbesitz ist ein wichtiger Kern aller Kriege. Je mehr Leute sie wurden, desto weniger konnten aber in der Landwirtschaft arbeiten. Sie suchten neue Arbeiten, die sie bisher nicht gemacht hatten. Und so wurden sie auch im Beruf zu unsern Konkurrenten, die aber als Sesshafte und damit als Teil der regierenden Gesellschaft selbst "Recht" machen konnten und uns so weiter ausgrenzten, um unsere Berufe erobern zu können.

Im 19. Jahrhundert entstand eine neue "Wissenschaft": die "Tsiganologie". Die Frage: "Woher kommen die Zigeuner" ist eine typisch sesshafte Frage, weil sie alles an einem Ort festmachen wollen. Wir waren doch einfach schon immer hier und überall! Die Frage liess den Tsiganologen aber keine Ruhe. Weil sie mit den schriftlichen Quellen nicht sehr weit kamen, verlegten sie sich auf die Sprachforschung. So konnten (oder glaubten zu können) sie an Hand unserer Worte unsere Reiseroute und Reisezeit zurückverfolgen, wie sie meinen bis nach Indien. Tatsache ist doch aber, dass halt Sanskrit die ältesten zugänglichen Sprachreste sind. Sanskrit wurde in einem sehr grossen Gebiet gesprochen, in verschiedenen Dialekten natürlich, grob gesagt vom Euphrat bis fast nach China. Unsere Vorfahren reisten wohl zu dieser Zeit in diesem Gebiet. Um das noch weiter zurückverfolgen zu können, fehlen den Forschern die Grundlagen. Deshalb behaupten sie einfach, wir wären Flüchtlinge, die vor einer Revolution in Indien geflohen sind. Aber hast Du schon einen Flüchtling gesehen, der zum Reisenden wird? Der Flüchtling flüchtet und versucht entweder, wieder in seine Heimat zurückzukommen oder am neuen Ort Wurzeln zu schlagen. Ich kenne auch heute keinen Flüchtling, der freiwillig zum Reisenden wird.

Nach unserer Familienlegende gab es 3 grosse Zigeunerströme nach Europa: einer kam aus Richtung Türkei über die Balkanländer, einer über Nordafrika und Gibraltar und die 3. Route war die "Nordroute", die bis in den hohen Norden führte. Das war die Route der Jenischen, die deshalb tendenziell auch die hellhäutigsten sind. Mein Urgrossvater wurde noch in Dänemark geboren und ist mit 2 Brüdern als ganz junger Mann in die Schweiz eingewandert.

Schon die alten Römer kannten den Satz: Divida et impera! Teile und herrsche!Nichts ist einfacher, als den Streit zweier Anderer für die eigenen Ziele auszunützen. Einerseits, weil den Tsiganologen bei uns Jenischen die Sprachforschung vielleicht noch schwerer fiel, weil sie wahrscheinlich schon vor 200 Jahren stärker als das Romanes mit hiesigen Sprachen vermischt war und andererseits eben um uns spalten zu können, unterschieden sie in "gute und schlechte", "helle und dunkle", "falsche und echte" Zigeuner. Unsere Sprache (das Jenisch) wurde (und wird bis heute, sogar in sog. "Fachbüchern") auch oft mit dem Rotwelsch verwechselt. So fiel es halt noch leichter, uns als "falsche Zigeuner", als asoziale Nachkommen von Söldnern etc. zu diffamieren, die eben nicht einmal eine eigene Sprache haben...

Und diese Differenzierungen und Diffamierungen halten bis heute an und wirken, z.T. sogar bei unsern eigenen Leuten!

Wenn Du noch mehr wissen möchtest, möchte ich Dir für heute ein paar Bücher und Webseiten empfehlen:

www.thata.ch : Die Seite meines Freundes Thomas Huonker, der u.a. das Buch: Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt (siehe "Verfolgt und Verfemt") schrieb, das bei ihm auch bestellt werden kann.

Les voyageurs d'Auvergne: nos familles yéniches von Joseph Valet beschreibt einiges über Geschichte, Leben und kultur der Jenischen in Frankreich.

Peter Paul Moser ist ein schweizer Jenischer, der sein leben unter dem "Hilfswerk Kinder der Landstrasse" beschreibt (http://www.thata.ch/moserautobiografie.htm) Buchbestellungen via e-mail siehe diese Webseite.

Es gab früher schon jenische Schriftsteller, die aber sogar in Bibliotheken schwer zu finden sind: in Deutschland Engelbert Wittich, über den Du auf der Seite www.luetzenhardt.de einiges erfahren kannst. 1984 erschien das Buch "Brawo Sinto", in dem Joachim Hohmann das Leben Engelbert Wittichs nachzeichnete und einen grossen Teil seiner Texte nachdruckte. Dieses Buch ist leider auch antiquarisch sehr schwer zu finden. Ebenfalls viele Texte von Wittich zitiert Hohmann in "Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 2: Engelbert Wittich - Beiträge zur Zigeunerkunde", Peter Lang Verlag, 1990, ISBN-3-631-42308-X. In der Schweiz gab es Albert Minder und sein Buch "Die Korber-Chronik".

Die wohl berühmteste jenische Schriftstellerin ist Mariella Mehr. www.mariellamehr.com ist ihre Homepage, wo Du auch ihre Buchtitel findest.

Der österreichische Jenische Schriftsteller heisst Romed Mungenast. Unter dem Link jenische Reminiszenzen wird ein Buch von ihm vorgestellt.

Zu guter Letzt: www.jenisch.tk ist meine Homepage mit noch wieder vielen Links und bei diesem Link findest Du das erste Buch, indem es einen grösseren Text von mir hat. Das 2. sollte demnächst erscheinen.

Soviel für heute, ich würde mich wirklich sehr freuen, bald wieder etwas von dir zu hören."

...und soweit das Zitat aus dem Mail an meinen Freund. Ich danke Allen, die die Geduld hatten, bis hier durchzulesen! Und: ich freue mich auf Euch, Eure Meinungen, z.B. in meinem Gästebuch oder im Trujal-i-jag-Forum.

Ich verabschiede mich deshalb für heute nicht mit einem "latscho drom" oder so, sondern mit

Auf Wiederlesen!

Euer fäberer

www.jenisch.tk

und

mailto:schaeft.qwant@hispeed.ch


"ich will nach oben!"
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