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Der Tages-Anzeiger am 29.05.2002
Verdingt, verstossen, verprügeltClemente Graff war eines von 600 jenischen Kindern, die Pro Juventute den Eltern entrissen hat. Eine Ausstellung im Stadthaus widmet sich dem Thema. Von Ursula Eichenberger
Es muss eine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen sein. Einen Tag vor Weihnachten im Jahre 1928 fährt die Polizei im kleinen Rustico der Familie Graff in Bellinzona ein. Vater Graff habe fürs Schleifen einer Schere zu viel verlangt, erklären die Beamten und nehmen ihn auf den Posten mit. Derweil kümmern sich zwei weitere Beamte um den 5-jährigen Clemente und seine um ein Jahr ältere Schwester: Im Rahmen der Aktion Kinder der Landstrasse werden sie von Pro Juventute «gepostet», wie es der heute 79-jährige Clemente Graff ausdrückt. Dabei war das Leben der Graffs so friedlich. Mit Pferd und Wagen ziehen sie durchs Land, bleiben an einem Ort, bis es für den Vater, der Körbe flechtet, keine Arbeit mehr gibt und bis die Mutter, die hausiert, jeden Haushalt bedient hat. Sie wohnen gratis in Scheunen bei Bauern, deren Körbe Vater Graff ausbessert. In einer dieser Scheunen wird auch Clemente geboren - «etwa so wie der Heiland, im Stall», schmunzelt er. Der 5-jährige Clemente kommt zuerst in ein Kinderheim nach Bremgarten, wenig später als Verdingbub in eine jurassische Familie. Er geht in die Schule und sammelt in jeder freien Minute Abfälle für die Schweinetränke. «Zigeuner», rufen ihm die Kinder nach und schubsen mit Vorliebe seinen Wagen um. Kommt er ohne Abfälle heim, wird er geschlagen. Die Sekundarschule verbringt Clemente in einer Anstalt für schwer Erziehbare. Sieht er Hausierer, läuft er ihnen nach. «Ich fühlte, dass ich zu denen gehörte», so Graff, «sie zogen mich an.» Seine Pflegeeltern aber stösst das ab. Fragt er nach seinen Eltern, wird ihm erklärt, sie seien gestorben. Ja keinen Kontakt zum VaterAls Graff 15 ist, verhilft ihm Pro Juventute zu einer Gärtnerlehre in Zollikon. Seinem Lehrmeister schreibt der Zentralsekretär von Pro Juventute: «Ich muss strenge verhindern, dass Clemente mit seinem Vater, der in Ennet-Turgi wohnt, Verbindungen anknüpft, und weil er dies kürzlich dennoch tat, war ich gezwungen, ihm den Schriftenempfangsschein abzunehmen. Wenn daher von Ennet-Turgi Korrespondenzen für Graff eingehen sollten, bitte ich freundlich, ihm diese nicht auszuhändigen, sondern an meine Adresse zu senden. Ich tue dies nicht zuletzt auch in Ihrem Interesse, denn Clemente ist sehr leicht beeinflussbar, und die Beziehungen mit seinem Vater könnten sich auch für sein Benehmen und seine Arbeitsleistungen nur unangenehm auswirken.» Den Zentralsekretär muss Graff «Götti» nennen, zusammen mit über 500 weiteren Schützlingen. «Meinen Erzfeind so ansprechen zu müssen . . .», aus Graffs Stimme spricht noch heute Verachtung. Eines Tages klingelt eine Hausiererin, Graff öffnet die Tür. «Sie schaute mir tief in die Augen», erinnert er sich. Plötzlich fällt sie dem jungen Mann um den Hals. Clemente befindet sich in den Armen seiner Tante. Wenig später zieht der junge Mann bei seinem Vater ein, der inzwischen geschieden ist und Clemente seine verpasste Familiengeschichte nacherzählt: Auch seine drei weiteren Geschwister wurden von Pro Juventute eingesammelt. Darauf trennten sich die Eltern. Jeder warf dem anderen vor, den Kindern nicht genügend Schutz geboten zu haben. «Pro Juventute hatte ihr Ziel erreicht», so Graff, «unsere Familie war kaputt.» Zum ersten Mal sieht er in seinem Hawaiihemd nicht mehr aus, als sei er gerade aus den Ferien heimgekehrt. Seine moosgrünen Augen werden plötzlich ein wenig ungemütlich. Angst, die Kinder zu verlierenFortan verdient Clemente Graff seinen Unterhalt mit Scherenschleifen und Korben. 22-jährig verliebt er sich in eine Jenische. «Eine Bürgerliche hätte meine Familie nicht akzeptiert», erklärt er. Innert einer Woche beziehen die beiden einen Schopf in einer alten Mühle, bald wird Hochzeit gefeiert, und das erste Kind ist unterwegs. Acht weitere folgen. Beim zweiten schon wird der Schopf zu eng. Graff baut einen vom Circus Knie ausrangierten Wohnwagen auseinander, um zu lernen, wie man einen neuen baut. Nun reist die Familie nicht mehr im alten Traktor, sondern im selbst gebauten Wagen umher. Zum Teil gehen die Kinder zur Schule, den Unterhalt verdienen sie mit dem Verkauf von Knoblauchbündchen. Oft hört die Grossfamilie den Satz: «Jetzt sind die Cheiben schon wieder da.» Dann ziehen sie weiter, bevor die Polizei alarmiert wird. Vor Pro Juventute ist auch diese Generation Kinder nicht sicher. «Wir waren immer auf der Hut, dass man sie uns nicht wegnahm», so Graff. Die sechs Söhne und drei Töchter leben heute alle bürgerlich. Auch die Eltern ziehen mit der Zeit in eine feste Wohnung. Graff ist Anfang der Siebzigerjahre Mitbegründer der Radgenossenschaft der Landstrasse, die sich für die Rechte der Jenischen stark macht. Da muss er telefonisch erreichbar sein. An Schulen hält er Vorträge über die Geschichte von Jenischen und «versiecht» laut eigenen Aussagen von Pro Juventute den Verkauf ihrer Abzeichen. Mit der Folge, dass sich die Stiftung entschuldigt - und 40 000 Franken in die Vereinskasse zahlt. «Ich habe halt schon eine riesige Wut auf die, die haben mich auf die Palme gebracht.» Graffs Gestikulieren wird immer lebhafter. Plötzlich wird er ruhig. In seinem 20- Quadratmeter-Reich der Gemeinnützigen Gesellschaft Wettingen blickt er auf ein Bild an der Wand: in die Augen seiner verstorbenen Frau, die den Betrachter, egal, wo er sich im Zimmer befindet, Mona-Lisa-artig begleiten. Dann gleitet sein Blick in den «Wald», so nennt er seine vier kleinen Zimmerpflanzen - die einen mit, die anderen fast ohne Blätter. «Ich hatte es noch nie so schön wie hier», sagt er, «so viel Platz, ganz für mich allein.» Heute wird im Stadthaus die Ausstellung «Nomaden in der Schweiz» eröffnet, die bis zum 13. September zu sehen ist. Montag bis Freitag, 8-18 Uhr. Informationen: Ausstellungen@prd.stzh.ch. Stichwort: Siemens-Musikpreis Der mit 150 000 Euro dotierte internationale Ernst-von-Siemens-Musikpreis ist der wichtigste Musikpreis überhaupt. Nikolaus Harnoncourt wird damit geehrt als einer, der «erfrischend neue Perspektiven auf die Tradition» eröffnete. In den letzten Jahren waren die Komponisten Harrison Birtwistle, Helmut Lachenmann, György Kurtág und Maurizio Kagel, der Dirigent Claudio Abbado, der Pianist Maurizio Pollini, das Arditti-Quartett und der Musikologe Reinhold Brinkmann ausgezeichnet worden. (TA)
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