Seit Jahren wird in Deutschland um die Erstellung eines Mahnmals für die Holocaust-Opfer der "Sinti und Roma oder der "als Zigeuner Verfolgten" gerungen. Dass dabei die Jenischen kaum je Erwähnung fanden, ist symptomatisch für den Umgang mit dieser Volksgruppe im Nachkriegs-Deutschland.
Obwohl im "Dritten Reich" die gleichgeschaltete Wissenschaft in ihrem Wirken explizit auch auf die Jenischen fokussierte, gerieten die Jenischen im Zuge der Wiedergutmachungen in Vergessenheit.
Die jüngere Wissenschaft betrachtet in Deutschland, im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Entwicklungen in der Schweiz, die Jenischen in der Regel nur aus lokalhistorischen, volkskundlichen oder "sondersprachlichen" Blickwinkeln. Historische Arbeiten zu den Themen Zweiter Weltkrieg, Nazi-Deutschland, Holocaust erwähnen die Jenischen
meist nur als Teil der "Asozialen".
Diese Entwicklung hat ihre Ursprünge in folgenden Punkten:
Die Sinti und Roma, die ab Ende der 1970er-Jahre Öffentlichkeitsarbeit betrieben, haben sich mit ihnen zustehenden, achtenswerten Gründen dagegen verwahrt, als "Zigeuner" verunglimpft zu werden. Aus diesem Grund forderten sie die Bezeichnung "Sinti und Roma" ein. Jedoch sprachen sie natürlich nur für sich selbst, nicht für die Jenischen.
Die deutsche Politik war zu Recht darauf bedacht, sich von den Nazimachenschaften zu distanzieren und möglichst keine Fehler aus dieser Zeit zu wiederholen.
Weil in dieser Zeit (1970er- und 80er-Jahre) in Deutschland keine Jenischen entsprechende Öffentlichkeitsarbeit leisteten, wurden diese weder von der Politik noch von der Wissenschaft wahrgenommen.
Politik und Wissenschaft folgten dem Ruf der Sinti und Roma, ihre Verfolgung zu untersuchen und anzuerkennen.
Um nicht in Verruf zu geraten und mangels besseren Wissens übernahmen diese in der Folge die Begrifflichkeit des "Zentralrats Deutscher Sinti und Roma" (ZR). Sie ersetzten das Wort "Zigeuner" durch die Formulierung "Sinti und Roma". Dass dadurch die Jenischen ausgeschlossen werden, war ihnen nicht bewusst.
Wenn also Politiker seither von "Sinti und Roma" schreiben oder sprechen, meinen sie, zumindest wenn es um die Nazizeit geht, ganz klar das alte Wort "Zigeuner". Gewiss wollten sich Politiker wie z.B. Roman Herzog mit seinem umstrittenen Zitat nicht nur bei einem Teil der Opfer entschuldigen! Sie bemühten sich lediglich um korrekte Wortwahl.
Man kann also sagen, die Jenischen waren bei diesen Äusserungen der Politik auf Grund eines Informationsdefizits stets "mitgemeint". Sie verbeugten sich in ihren Formulierungen vor den Opfern der "Sinti und Roma" im guten Glauben, damit alle"als Zigeuner" verfolgten Gruppen zu würdigen.
Es kann daraus nicht geschlossen werden, dass das Mahnmal nur den Gruppen der Sinti und Roma gewidmet sei und die andern Gruppen, insbesondere die Jenischen, kein Recht hätten, durch dieses Mahnmal gewürdigt zu werden.
Andernfalls hätte die Politik sich ja nicht auf diese Art der Debatte um das umstrittene Mahnmal insbesondere mit dem "ZR" und der "Sinti Allianz Deutschland (SAD)" eingelassen, sondern klar erklärt, dass das nur ein Mahnmal für die Sinti und Roma sei.
Dass sie sich auf diese Debatte mit der SAD einliessen, zeigt ja deutlich, wie klein das Wissen und wie gross die Unsicherheit der Politiker in dieser Thematik ist.
Richtig ist, dass sich Romani Rose, nachdem das "Gesamtmahnmal" für alle Opfer des Holocausts gescheitert war, als erster für ein "Sinti- und Roma-Mahnmal" einsetzte.
Der Zentralrat verwendete in seinen Mahnmaldebatten natürlich seine Standard-Formulierung "Sinti und Roma", die ja von ihm selbst eingeführt wurde und der Öffentlichkeit als vermeintlich politisch korrektes "Ersatzwort" für "Zigeuner" präsentiert wurde. Vorbehältlich dessen, dass der ZR nun eine korrigierende Erklärung abgeben könnte, ist aber davon auszugehen, dass der ZR nach wie vor nur sich und seine Leute, also die Sinti und Roma vertritt.
Es ist also richtig, dass der ZR ein Mahnmal nur für die Sinti und Roma forderte und damit in Kauf nahm, dass die Jenischen nicht vertreten sind.
Es ist auf der andern Seite aber auch richtig, dass die Politik mit ihrer Zusage für ein "Sinti- und Roma-Mahnmal" eigentlich ein Mahnmal für alle "Zigeuner" schaffen wollte und sich der damit eingegangen Problematik zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst sein konnte.
Es ist deshalb der Politik die Gelegenheit zu geben, sich vertieft in das Thema einzuarbeiten und frühere Fehler zu korrigieren.
Wenn die Politik mit der Zusage, ein "Sinti- und Roma-Mahnmal" zu schaffen, davon ausgegangen ist, dass damit sämtliche "als Zigeuner" Verfolgten gewürdigt werden, so hat die Politik auch ein Recht darauf, diesen Willen auszudrücken und die nötigen Debatten (auch mit den Jenischen) zu führen, um ein Mahnmal des deutschen Staates zu verwirklichen, das allen "als Zigeuner" Verfolgten gerecht wird.
Um ein allen"als Zigeuner" verfolgten Gruppen gerecht werdendes Mahnmal errichten zu können, ist die deutsche Politik aufgerufen,
Historisch-wissenschaftliche Aufarbeitungen der Verfolgungen im Dritten Reich zu fördern, die sämtliche"als Zigeuner" verfolgten Gruppen miteinbezieht und nicht nur auf die durch die Presse in den Fokus der Interessen geratenen "Sinti und Roma" gerichtet ist.
Historisch-wissenschaftliche Aufarbeitungen der Geschichte der Jenischen in Deutschland vor, während und nach dem "Dritten Reich" zu fördern.
Insbesondere soll auch untersucht werden, ob und wie Kontinuitäten in der Diskriminierung der Jenischen nach 1945 bestehen, ob und wie die Jenischen an den Entschädigungen für die Opfer des 2. Weltkriegs teilhaben konnten und wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Jenischen seit 1945 in wissenschaftlichen Publikationen und den Massenmedien verändert hat.
Der Holocaust an den Jenischen als eigenständige Gruppe, die von den Behörden des "Dritten Reichs" als "Zigeuner, Zigeuner-Mischlinge und nach Zigeunerart umherziehende Personen" verfolgt wurde, ist gleichberechtigt mit den andern "als Zigeuner" verfolgten Gruppen zu anerkennen.
Daraus ableitend liegt es in der Verantwortung der Politik, diskriminierungsfreie Bezeichnungen für alle "als Zigeuner" verfolgten Gruppen zu definieren, die die Würde der Gruppen, ihrer Angehörigen und Opfer respektiert.
schäft qwant dokumentiert im Folgenden diverse Fundstücke, die der interessierten Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft als "Einstiegshilfe" in die Thematik dienen können.
Dass die Jenischen im Dritten Reich dasselbe Schicksal wie die "Sinti und Roma" erlitten, illustriert folgendes Zitat, das eine durchgehend vorkommende Kern-Formulierung entwirft: Ich ordne deshalb an, daß alle seßhaften und nicht seßhaften Zigeuner sowie alle nach Zigeunerart umherziehende Personen beim Reichskriminalpolizeiamt — Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens — zu erfassen sind. (aus: "Bekämpfung der Zigeunerplage, 8.12.1938")
Aus der Dissertation "Die Zigeuner im Nationalsozialistischen Staat", verfasst von Hans-Joachim Döring, 1962 werden folgende Erlasse und Schriften des Nationalsozialismus zitiert: