II. Internationale Antiziganismuskonferenz
8. + 9.10. 2005 � Universität Hamburg
Erfahrungsbericht
von Simone Schönett
Als Abschluss der Konferenz fand am 9.10. eine kleine Feier im Universitätsgebäude statt. Die TeilnehmerInnen, europäische Roma, Sinti, Jenische, Gadsche, Wissenschaftler, Journalisten haben miteinander gegessen, der Sinti-Musik gelauscht. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre, man war �locker" nach zwei dichtgedrängten Tagen voller Vorträge, Workshops, Diskussionen schienen alle zuversichtlich und gestärkt und einsatzbereit gegen jegliche Art von �Zigeunerfeindlichkeit" (=Antiziganismus).
Es ist nicht üblich, einen Bericht mit dem Ende eines Ereignisses zu beginnen, außer, man verfolgt damit einen gewissen Zweck, und auf diesen werde ich gleich kommen.
Ich saß und aß, mit dem Rücken zur Eingangstüre, sie war aus Glas. Mir gegenüber saßen zwei honorige Herren mittleren Alters, ein Wissenschaftler, mit dem ich schon während der zwei Tage gesprochen hatte, und ein Teilnehmer, der mir auch nicht mehr unbekannt war.
Ich aß und hörte - wie gesagt, man war �locker" - wie die beiden Herren über etwas small-talkten, was �bedrohlich" war. Ich folgte ihrem Blick, drehte meinen Kopf, und sah �die Bedrohung" von der die beiden sprachen: Fünf jugendliche Roma, die allesamt ziemlich füllig waren in dunklen Anzügen, feingemacht. Sie standen dort und unterhielten sich.
Ich aß weiter.
�Da könnte man ja fast Angst bekommen", sagte der eine.
�Wie die Mafia", sagte der andere.
Ich aß weiter.
Er habe das schon festgestellt, sagte der eine. Die Sinti würden nie so auseinandergehen, wie die Roma, sagte er, und der andere nickte, und die waren sich einig.
Ich aß nicht mehr. Ich starrte sie nur noch an.
Der Wissenschafter begann, mir zu erklären, dass die jungen Herren da dort, und dass man gescherzt hätte, dass....
�Es gibt auch fette Deutsche", sagte ich, und aß demonstrativ weiter.
Antiziganismus also. Zigeunerfeindlichkeit. Wie weitverbreitet die ist, zeigt diese kleine belauschte Unterhaltung.
Ich weiß nicht, ob den beiden klar war, was mir klar war. Dass die beiden nämlich nichts anderes weiterbetrieben, als das, gegen das sie vorher �konferiert" hatten. Die Klassifizierung zwischen �fette Roma" und �nicht fett werdende Sinti" als ironischer Scherz? Um zu zeigen, wie �inside" man schon ist, nach soviel Engagement?
Jedenfalls. Der Teilnehmer verabschiedete sich ziemlich schnell. Der Wissenschaftler sprach nicht mehr in meine Richtung und verließ auch sehr bald den Tisch.
Ich blieb zurück. Mit einem bitteren Geschmack auf meiner Zunge.
Ich habe nichts gesagt, nur, dass es auch fette Deutsche gäbe, was ja auch stimmt. Als Argument ist dieser Satz ebenso wenig haltbar wie jener über die bedrohlich fülligen Roma. Wir waren also alle in die Falle des angstmachenden Feindbildes geraten.
Später, viel später erst, aber noch am selben Tisch, am selben Ort, fiel mir ein, dass ich �psychologisch" argumentieren hätte können. Sensibilisieren. Ruhig und bedächtig. Aber das ist nicht meine Art.
Aber wenn man in Betracht zieht, dass vielleicht die Großmutter dieser jungen Roma in einem Konzentrationslager verhungert war, oder dort zumindest fast bis an den Tod gehungert hatte, wenn man das mitbedenkt, dann bekommt Essen einen anderen Stellenwert, und Übergewicht ist jedenfalls ein Zeichen für Wohlstand und wenn man die Stellung der Roma-Jungen in ihrer Sippe usw. usf. dann hätte ich vielleicht mehr gegen den Antiziganismus getan. So aber wurde der Dialog beendet.
Von Dialog war viel die Rede auf diesem Kongreß. Von den Jenischen hätten die Veranstalter lieber geschwiegen. Dank des unermüdlichen Einsatzes des Schweizer Vertreters von �schäft qwant", haben die europäischen Jenischen diesmal aber Stimme und Gestalt erhalten im wissenschaftlichen Diskurs.
Das Interesse der Roma- und Sintivertreter, mit den Jenischen zu kooperieren, hält sich in Grenzen. Man wolle mit uns nicht noch mehr Verwirrung stiften, so der Tenor.
Die Inhalte und Ergebnisse dieser Konferenz werden im Internet abrufbar sein, darum erspare ich mir hier diese hier, und halte folgende Erfahrungen fest:
1. Die Agendas der europäischen Roma und Sinti sind andere als die der europäischen Jenischen.
2. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Roma, Sinti und Jenischen ist natürlich möglich, allerdings in klar getrennten Organisationen.
3. Roma, Sinti und Jenische sind gleichermaßen mit Antiziganismus konfrontiert, insofern ist eine Teilnahme von Jenischen auf solchen Kongressen nicht nur unumgänglich, sondern sollte auch mit aktiven Beiträgen auf folgenden Kongressen weiter intensiviert werden.
4. Um auf europäischer Ebene etwas für die Jenischen zu verbessern, sollten darüber hinaus aber transnationale Zusammenarbeit zwischen europäischen Jenischen und Travellers stattfinden.
Die Einbindung der Travellers halte ich für unumgänglich, da sie in Europa schon im European Roma and Traveller Forum namhaft sind - aber keine sichtbaren Vertreter haben.
Auch auf dem Kongreß war im übrigen kein Vertreter der Traveller anwesend.
5. Die Sache mit der Wissenschaft:
Abgesehen von �vergleichenden Körperstudien" am Abschlussessen der Konferenz, reicht die erfahrende Haltung der dort anwesenden Wissenschaftler in Bezug auf Jenische von freundlich interessiert bis freundlich desinformiert.
Die Anzahl der Roma-Wissenschaftler war dann auch verschwindend gering. Von den unzähligen Beiträgen stammten die wenigsten von Wissenschaftlern, die von �Inside" kommen, sprich: die Kultur, über die sie �forschen", wirklich kennen.
Für die meisten Wissenschaftler bleibt ihr Forschungsgegenstand abstrakt und fremd � und nur die wenigsten thematisieren das. Das wird sich erst dann ändern, wenn es verstärkt Roma, Sinti und Jenische Wissenschaftler gibt (was womöglich noch Generationen dauert).
6. Die Schule ist ein Machtapparat � oder: Warum wird nicht über den Bildungsbegriff an sich gesprochen, der in den Kulturen der Fahrenden und der Sesshaften ein völlig anderer ist?
Wenigstens gab es alternative Denkansätze, vor allem in Hamburg gibt es ein erprobtes und bewährtes Schulzusammenarbeitsmodell, über das man sicher auf der Homepage www.ezaf.org nachlesen kann.
7. Während die Roma und Sinti mit sehr realen Bedrohungen zu kämpfen haben, vor allem in den ehemaligen Ostblock-Staaten, sind die Bedrohungen für Jenische vor allem kulturelle.
Insofern würde ich auch vorschlagen, über die Möglichkeit nachzudenken, Jenische als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen, das ist bei der UNESCO auch für gewisse Völker schon geschehen � somit hätten wir auch einen unleugbaren und internationalen Status als jenisches Volk in Europa.
Konferenzen und interdisziplinäre Zusammenarbeiten wie in Hamburg sind sicherlich wichtig und sollten jedenfalls fortgesetzt werden. Für die Sichtbarmachung der europäischen Jenischen sind sie jedenfalls wichtig. Dennoch sollte auch eine eigene Konferenz für Jenische und Traveller angedacht werden � z.b. in Räumen der Universität Basel.
Am Ende des kleinen Festes am Abend nach dem Kongress forderte der Gitarist und Sänger, ein Sinto, der in seiner Fülligkeit sowieso alle Vorurteile meiner Gegenüber aufhob, alle auf, die Zigeuner neben sich um die Übersetzung des Liedes (es war hörbar ein Liebeslied) zu fragen.
Die Begleitung des Wissenschaftlers saß neben mir. Wir hatten den ganzen Abend kein Wort miteinander gewechselt, aber sie hatte während der zwei Tage öfters stumm unseren Unterredungen beigewohnt über Jenische und jenische Sprache. Sie legte mir ihre Hand auf meine Schulter und sagte: �Na, los, übersetz schön."
�Spiel, Zigeuner!" sagte ich, aber sie verstand nicht.
�Ich bin eine Jenische" sagte ich.
Sie schaute mich irritiert an.
�Ich spreche kein Romanes."
�Bei Euch ist alles sehr kompliziert" sagte sie.
�Schaut nur so aus" sagte ich.
Sie starrte mich an und wandte sich ab mit einem verunsicherten Lachen.
Bis klar wird, dass es Roma, Sinti UND Jenische gibt, wird es mancherorts noch dauern. Und bis Antiziganismus als solcher wirklich begreifbar wird für jene, die dem nicht unmittelbar ausgesetzt sind, wird es auch noch dauern.
Last but not least sind solche Konferenzen ein guter Anlass, internationale Kontakte zwischen europäischen Roma, Sinti, Jenischen auszuweiten.
In Hinsicht auf Wissenschaft und Medien wäre zuallerletzt noch die ewige Frage nach der bisher ungeklärten Herkunft der Jenischen zu erwähnen. Für die Wissenschaft ist dieses �missing link" Anlass, uns Jenischen den Status einer eigenständigen Ethnie abzusprechen, weiters wäre es dringend notwendig, die Gemeinsamkeiten der europäischen jenischen Sprachen mehr zu betonen.
Die Medienvertreter zeigten sich außerdem sehr interessiert an der jenischen Thematik.
Insgesamt. Ein weiterer, kleiner Schritt auf dem Weg, auf dem wir uns befinden. Auf einem transnationalen Weg, der, wie ich finde, künftig noch klarer als Jenischer und Traveller Weg �ausgeschildert" sein soll.

alle Fotos: Antiziganismus-Kongress Hamburg 2004 ausser: Porträt S. Schönett, Feckerchilbi Gersau 2004
Text: © Simone Schönett 2005 ; Bild: © Venanz Nobel 2004