Bulletin 1/2004

Die Jenischen, die Minderheitenrechte und ihre Umsetzung in der Schweiz

Seit die Schweiz das europäische "Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten" und die "Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen" unterzeichnete, muss sie regelmässig Berichte über deren Umsetzung verfassen. Spiegeln diese Berichte tatsächliche Erfolge der schweizerischen Minderheiten-Politik oder bleiben sie sowohl vom Staatsapparat als auch von der Oeffentlichkeit weitgehend ignorierte "Papiertiger"? Die Jenischen jedenfalls können bisher keine Verbesserung ihrer Situation damit verbinden.

Im Gegenteil, "schäft qwant" konstatiert Stagnation und Rückschritte im Umgang unserer Behörden mit den Jenischen:

Jahr / SFr.

2000

2001

2002

Budget 2003

Budget 2004

430.3600.052

Förderung von Kultur & Sprache in Graubünden

4�469�300

4'469�300

4'469�300

4'513�113

4�490�642

430.3600.109

Unterstützung der Fahrenden

225�800

225�800

225�800

297�000

295�500

430.3600.115

Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende

145�500

145�500

145�500

147�015

147�750

Total für Fahrende

371�300

371�300

371�300

444�015

443�250

(aus der Finanzrechnung des EDI, Eidg. Departement des Innern, Bern)

 

Nachdem die Schweizerische Eidgenossenschaft im Rahmen des zweiten "Berichts der Schweiz über die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen" die Jenischen einlud, Projekte zu Erhalt & Förderung der jenischen Sprache einzureichen, hat der Verein "schäft qwant" am 13.3.2003 beim Bundesamt für Kultur, Herrn Paul Fink ein Projektdossier eingereicht. Dieses beeinhaltet die Projekte "jenisch fäbern" und "jenisch tibern".

Am 12. Juni 2003 sicherte die Radgenossenschaft der Landstrasse als schweizerische, staatlich subventionierte Interessenvertretung der Fahrenden sowohl gegenüber dem Bundesamt für Kultur als auch gegenüber der "Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende" den Projekten des Vereins "schäft qwant" schriftlich die volle Unterstützung zu.

Obwohl Herrn Fink also zu diesem Zeitpunkt sowohl aus Schreiben des Vereins "schäft qwant" selbst als auch seitens der Radgenossenschaft der breitabgestützte Bedarf der Jenischen zur Durchführung solcher Projekte hinlänglich bekannt war, monierte er in seiner Antwort an "schäft qwant" vom 28.7.2003 "mangelnde Unterstützung" durch die Fahrenden.

In seiner Antwort vom 10.9.2003 regte der Verein "schäft qwant" im Namen aller angeschlossenen Organisationen an, dass das Bundesamt für Kultur das weitere Vorgehen an einem Rund-Tisch-Gespräch konkretisieren lasse.

Auch in der Antwort vom 27.11.2003 nimmt Herr Fink die Wünsche der Jenischen nicht auf. Er skizziert seine Vorstellungen von Schulungsmaterialien, die dem Ansinnen der Jenischen zur Förderung ihrer Sprache gemäss der Europäischen Charta in keiner Weise entsprechen. Des weitern regt er (Zitat) "auch (grenzüberschreitende) Treffen von Jenischen zur Pflege und Förderung der jenischen Sprache" an, die das BAK "unterstützen könnte."

Nach Absprache unter den jenischen Organisationen, insbesondere zwischen der Radgenossenschaft und dem Verein "schäft qwant", nahm der Verein "schäft qwant" in seinem Brief vom 15.1.2004 diese Idee auf und regte eine Tagung unter dem Titel "Jenische Sprache, gestern, heute, morgen" an. Wir sind überzeugt, dass ein solcher Anlass wichtige Impulse für die Konkretisierung jenischer Sprachförderung liefert. Wir sind deshalb der Meinung, dass diese Tagung prioritär zu organisieren ist und die Projekte "jenisch fäbern / jenisch tibern" die Resultate des Meetings als Input brauchen werden. Schäft qwant schlägt deshalb eine zweitägige Tagung vor, die folgende Themen im Gespräch mit geladenen ReferntInnen und unter den Jenischen selbst konkretisieren soll:

 

Am 2. Februar 2004 fand eine gemeinsame Sitzung von Radgenossenschaft und Verein "schäft qwant" statt. Dabei wurde die Thematik "jenische Sprache" und die gemeinsame Vorgehensweise eingehend erörtert. Schäft qwant ist als transnationale Organisation zuständig für die internationalen Anliegen, insbesondere die europäische Kooperation der Jenischen und die Fragen des Spracherhalts und der Sprachförderung. Um für den Themenkreis "Spracherhalt, Sprachförderung und Sprachschutz" von Anfang an eine für die Jenischen Europas tragbare gemeinsame Arbeitsweise und gemeinsame Regeln erarbeiten zu können, nehmen Delegierte aus Frankreich, Deutschland, Oesterreich und der Schweiz Einsitz in unsere Gremien. Ansprechpartner für diese Themen ist deshalb der Verein "schäft qwant".

Aus der erwähnten Diskussion mit der Radgenossenschaft ging ebenso deutlich wie aus den Kontakten mit den andern bei "schäft qwant" angeschlossenen nationalen Vereinen hervor, dass die Fragen des Datenschutzes, der Handhabung tradierter Tabusysteme und der allfälligen Publikationen zum Thema "jenische Sprache" absolut prioritär unter den Jenischen selbst geregelt werden müssen. Der Vorstand der Radgenossenschaft teilt auch die Ueberzeugung der andern jenischen Vereine Europas (wie z.B. des Jenischen Kulturverbands Oesterreich), dass passwortgeschützte und von Jenischen selbst betreute Internetlösungen die breitestmögliche Vertrauensbasis der Jenischen geniessen können. Hingegen bestehen tatsächlich Vorbehalte insbesondere gegenüber den Printmedien, deren Produkte tendenziell eher unkontrolliert verbreitet werden. Es stellt sich daher die dringende Frage, welche Formen der Sprachförderung der Bund effektiv mitzutragen gewillt ist. Nicht nur unsere Korrespondenz, sondern auch Veröffentlichungen des Bundes wie z.B. die "Stellungsnahme der Schweiz zum Gutachten des Beratenden Ausschusses" (im Internet veröffentlicht unter Link zur Stellungsnahme) legen die Vermutung nahe, dass der Bund z.B. populäre Umsetzungen des Jenischen Wörterbuchs von Herrn Roth favorisiert. Hingegen unterstützt die vom Bund massgeblich finanzierte Lia Rumantscha das Projekt "MyPledari" (Online-Wörterbuch Rätoromanisch-Englisch) sowohl linguistisch als auch logistisch (siehe www.swissinfo.org).

Das Internet ist ein allgemein genutztes Medium und Kontaktmittel wie das Telefon oder der Fernseher. Internet-basierende Auswertungen einer Sprach-Datenbank sind u.E. deshalb nicht nur wegen ihrer vergleichsweise einfachen Erstellbarkeit, sondern auch wegen der Bedeutung und künftigen Nutzung des Internets durch Jenische sinnvoll und richtungsweisend. Das Wissen, dass gezielte jenische Inhalte im Internet greifbar sind, stärkt das jenische Selbstbewusstsein und fördert die Akzeptanz dieser Minderheit durch die Mehrheitsgesellschaft.

Das Internet wird für die reisenden Jenischen zwar erst mit einer überall verfügbaren und kostengünstigen "wireless"-Anbindung wirklich interessant und im Alltag benützbar werden. Neben den reisenden Jenischen, die das Internet bisher hauptsächlich an öffentlichen Zugangspunkten (Internet-Cafés) punktuell, für Geschäfte & Chatplaudereien, nutzen, sind jedoch schon heute sehr viele sesshafte Jenische, die ja 85% der jenischen Bevölkerung umfassen, online. Gerade dieser Teil des jenischen Volkes ist ja das wichtigste "Zielpublikum" der Sprachförderung, da sie oft vom direkten Kontakt zu ihrer Herkunftskultur abgeschnitten wurden. Die von Vorstandsmitgliedern des Vereins "schäft qwant" in Fronarbeit erstellten Webseiten erreichten innert 20 Monaten über 17'000 Besucher. Wie jedoch Pilotprojekte, z.B. in Australien, zeigen, bietet das Internet als interaktives Medium ein grosses Potential auch für Fernunterricht, sei es für Kinder oder im Bereich der Erwachsenenbildung. Vorbildhaft für die Diskussion über jenische Projekte sind zum Beispiel die Ergebnisse der Universität Graz zu den Romani-Sprachen (http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/romani/) und die Seite http://www.jiddischkurs.org, die in einer breiten Kooperation der Ruhr-Universität Bochum mit der Columbia University New York und dem Land Nordrhein-Westfalen entstand. Der österreichische Staat finanziert seit 1993 nebst vielen andern Projekten eine Arbeitsgruppe der Univeristät Graz für das Romani-Projekt aus Mitteln der Volksgruppenförderung des Bundeskanzleramtes und der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (Arbeitsgemeinschaft Sprache und Öffentlichkeit), das Millionen-Projekt "Jiddischkurs" (EYDES I & II) kann sich auf grosszügige Mittel nicht nur der EU sondern auch des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen stützen.

 

Da die jenische Kultur und Sprache keine orts- oder gebietsgebundene sind, kann deren Erhalt und Förderung wohl nur punktuell geografisch eingegrenzt und zur Aufgabe von Gemeinden oder Kantonen erklärt werden. Das Schwergewicht von Fördermassnahmen wird zumindest auf nationaler Ebene anzusiedeln sein. Das "Gutachten zur Rechtsstellung der Fahrenden in ihrer Eigenschaft als anerkannte nationale Minderheit" des Bundesamtes für Justiz vom 27.3.2002 folgert deshalb unter 4.2.1 UNO-Pakt II: "Immerhin geht die neuere Lehre davon aus, dass Artikel 27 UNO-Pakt II die Unterzeichnerstaaten aber doch zu denjenigen Förderungsmassnahmen verpflichtet, welche zur Identitätserhaltung der geschützten Minderheit erforderlich sind." Wohl wissend, dass für die Sprachförderung der Jenischen kein Bundesgesetz besteht wie dasjenige vom 24.6.1983 über Beiträge an die Kantone Graubünden und Tessin zur Förderung ihrer Kultur und Sprache, das jährliche Bundesbeiträge in Millionenhöhe zur Folge hat, sind wir doch der Ueberzeugung, dass dem Bund aus den oben angeführten Gründen eine leitende Stellung zukommt. Das jenische Volk Europas erhofft sich, dass die Schweiz als Kernland ihrer Kultur den Beispielen Oesterreichs und der EU folgt und Mittel bereitstellt, die für die Jenischen pionierhafte, den andern Sprachgruppen analoge Projekte ermöglichen.

Seit Juni 2001 haben die Bundesbehörden die "Empfehlungen des Expertenberichtes des Europarates" vorliegen. Am 21. Juni 2002 wurden diese im Gespräch mit der Radgenossenschaft konkretisiert, was seinen Ausdruck im "Bericht der Schweiz" vom 12. Dezember 2002 fand. Zweieinhalb Jahre sind sicher lange genug, um den Worten jetzt Taten folgen zu lassen.

Noch sind die fahrenden Jenischen im Winterquartier. Schon bald beginnt aber wieder die Reisezeit. Wenn nicht ein weiteres Jahr, in dem wieder eine beträchtliche Zahl unserer Alten sterben wird, ohne dass ihr Wortschatz gesichert worden ist, vergehen soll, dann ist es jetzt höchste Zeit, unverzüglich zu handeln.

In unseren Tagen, in denen in Europa wieder erörtert wird, was ein Volk, was ein Staat, was eine Nation ist, lohnt es sich, das Beispiel einer Kultur ins Auge zu fassen, der die Idee fremd ist, dass ein Volk ein Land, einen Staat und eine Kultur braucht. (Zitiert aus www.jiddischkurs.org)

Damit das nächste "Gutachten über die Schweiz" des Europarates positiv ausfallen kann, müssen Projekte jetzt zur Ausführung gebracht werden.

Detaillierte Projektbeschriebe, tagesaktuelle Informationen im Forum usw. finden Sie im Internet unter http://www.jenisch.info, für Ihre Fragen erreichen Sie uns unter schaeft.qwant@hispeed.ch oder Tel. +41 79 667 41 93.

 

Schäft qwant, 8. März 2004

 


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