Jenische Geschichte & die Betonjenischen

Vortrag von

Venanz Nobel

gehalten an der Vortragsreihe des Historischen Seminars

der Universität Basel

am 7. November 2000

© Venanz Nobel, Zitate & Nachdruck nur mit Quellenangabe erlaubt!


Im folgenden Vortrag beziehe ich mich, wo nichts anderes erwähnt ist, hauptsächlich auf die Jenischen in der Schweiz, weil ich selbst ein Solcher bin, und auf die aktuelle Situation in der Region Basel, wo ich wohne. Die Jenischen verstehen sich selbst, im Gegensatz zur Definition durch die traditionellen Tziganologen, als einen der verschiedenen Zigeuner-Stämme. Jenische gibt es in ganz Europa (sie heissen nur nicht überall so, aber das ist bei den andern Zigeunerstämmen, die z.B. in Deutschland als "Sinti", in Frankreich als "Manouches" bekannt sind, ja auch nicht anders). Die Schweiz ist bisher das einzige Land, wo die Jenischen eigene politische Interessengemeinschaften bilden und wo wir behördlich wahrgenommen werden. Das heisst aber noch lange nicht, dass es in den andern Länder weniger Jenische gibt, im Gegenteil!


Ich muss mich wohl kurz vorstellen: ich heisse Venanz Nobel und hoffe nach wie vor, dass auch bei mir irgendwann nomen zu omen werde. Ich bin der Sohn eines Jenischen, dem ein gewisser Doktor Siegfried neben der Identität en passant auch den Namen gestohlen hat, und einer Bürgerlichen, die, trotz ihrer intakten Familienbanden, zeitlebens zu ihrem Mann stand. Meine bürgerlichen Wurzeln kannte ich von Geburt an. Sie gingen bei uns ein und aus. Von Vaters Seite her hatte ich aber weder einen bösen Onkel noch eine gute Oma. Vater hat sie gesucht, aber nie gefunden. Sicher wollte ich nicht nur ihm helfen, sicher war es auch meine jugendliche Abenteuerlust, die mich in die Ahnenforschung trieb. Sie können sich denken, dass meinem Forscherdrang mehr Glück beschieden war. Denn sonst stünde dieser Beitrag ja nicht hier. Bei meiner "andern" Verwandtschaft angekommen, versuchte ich von Beginn weg, mein mütterliches Erbe in den Dienst des väterlichen Volkes zu geben. Obwohl meine Mutter Buchhändlerin ist, habe ich es allerdings noch nicht zur Autorenschaft eines ganzen Buches geschafft. Deshalb stand im Programm dieser Veranstaltungsreihe neben meinem Namen immer noch "Journalist" (mütterlicherseits) und "Restaurator" (väterlicherseits). Die Veranstalterin hat zum Namen aber noch eine weitere Zeile hinzugefügt: Das Thema des Abends. Ich sollte laut dieser Vorgabe über "Jenische Geschichte und die Betonjenischen" berichten. Das wären ja eigentlich 2 Themen, die sich ja aber logischerweise nicht nur berühren, sondern bunt ineinandergreifen. Ich zähle deshalb auf Ihre Nachsicht, wenn ich es nicht schaffe, schön brav ein Thema nach dem andern abzuhandeln. Wilde Gedankensprünge, wie sie in meinem Kopf ab und zu vorkommen, passen ja eigentlich zum Thema, denn wir Jenischen werden ja bis heute noch hauptsächlich als "Wilde" inmitten einer zivilisierten Welt wahrgenommen.

Ich liebe Vergleiche. Sie auch? Ich war irgendeinmal 14 Jahre alt. Sie auch? Erinnern Sie sich? Sassen Sie auch am Waldrand und beschäftigten sich mit einer Blume: "Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich, sie lieben mich nicht, sie lieben mich, es gibt mich nicht, es gibt mich, es gibt mich nicht." Hoppla, irgendwie ging das doch anders, damals? Stimmt, wir sind jetzt aber quasi mitten drin im Thema. "Sie lieben uns, sie lieben uns nicht", dieses Wechselbad der Gefühle kennen alle Zigeuner, ob Sinti, Roma oder Jenische, im täglichen Umgang mit der sesshaften Gesellschaft. Wohl am krassesten erleben es unsere Musiker, wenn sie müde, aber gutgelaunt von einem Konzert heimkommen und vor dem Wohnwagen stehen Polizisten, die ultimativ die sofortige Abfahrt verlangen. Den Jubel und die Zugabe-Rufe noch im Ohr, landen sie hart auf dem Boden des Raumplanungsgesetzes oder sonstigen Verordnung, die dem Polizisten als Rechtfertigung dient für sein spätnächtliches Treiben.

Wegweisung Jenischer, Messerligrube, Bern 1977

Sie alle, ob Konzertbesucherinnen, ob Polizisten, "kennen uns", glauben zumindest, uns zu kennen. Keinem von ihnen käme es in den Sinn, unsere Existenz zu negieren. Gehen Sie aber einmal aufs statistische Amt und fragen Sie, wieviele Zigeuner es in Basel gibt. Der korrekte Beamte wird Ihnen antworten, dass er es nicht weiss, weil wir statistisch nicht erfasst werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass Sie eine viel saloppere und nicht einmal zur Hälfte wahre Antwort bekommen: "In Basel gibt es keine Zigeuner".
Es gibt mich nicht...
Stimmt, es gibt in Basel keinen Standplatz für in Wagen lebende Zigeuner. Aber es gibt ja eben auch die andern, die "Betonjenischen". In allen mir bekannten Untersuchungen aus andern europäischen Ländern kommen die Statistiker und Wissenschafter nicht erst heute zum Schluss, dass nur jeweils 5 bis maximal 20% der Jenischen, Sintis, Romas in Wohnwagen, Zelten, etc. leben, also auch äusserlich den heutigen Vorstellungen der sesshaften Gesellschaft über nomadisches Leben gerecht werden. Die Studie "Fahrendes Volk in der Schweiz", die eine vom EJPD eingesetzte Studienkommission 1983 publizierte, ist für uns Jenische ein Meilenstein im Umgang mit den Behörden. Eine Petition der Pro Tzigania Svizzera brachte diesen Stein 1978 ins Rollen, der Nationalrat stimmte am 21. März 1979 dem Antrag der Petitionskommission zu und das EJPD setzte daraufhin am 15. Juli 1981 die Studienkommission ein. Für die Schweiz erstmalig sassen in dieser neunköpfigen Kommission neben 2 "Fürsprechern" der Fahrenden, nämlich Sergius Golowin und dem damaligen Sekretär der Radgenossenschaft, Jürg Häfeli auch zwei Jenische selbst, nämlich unsere heutige Frau Dr.h.c. Mariella Mehr und Herr Jean-Jacques Oehle, womit man schon fast von einer paritätischen Zusammensetzung sprechen kann! Diese Kommission nun geht in ihrem Bericht davon aus, dass in der Schweiz rund 35'000 Jenische leben, von denen ca. 5'000 fahrende sind.
Kleiner Einschub: Es gibt mich!
Das ergibt zwei wunderschöne statistische Prozentzahlen. Einerseits kommt diese Kommission mit ihrer Schätzung des "fahrenden Anteils" ans obere Ende des international Üblichen und landet bei 15%. Die zweite Zahl, die mich hier interessiert, ist der Anteil der Jenischen an der Gesamtbevölkerung. Nebst dem immer wieder gerne zitierten Vergleich mit dem Kanton Uri, der gerade Mal 30'000 Einwohner hat und trotzdem, im Gegensatz zu uns Jenischen, sowohl im National- als auch im Ständerat vertreten ist,
(nächster Einschub: es gibt mich nicht!)
lässt sich aus dieser Zahl auch errechnen, dass die Jenischen rund 0,5% der Schweizer Bevölkerung ausmachen. Da vom statistischen Amt keine Hilfe zu erwarten ist, habe ich mir für den heutigen Abend die Mühe genommen, das elektronische Telefonbuch nach Jenischen in Basel-Stadt zu durchforsten. Ich musste dafür eine kleine Milchmädchen-Rechnung zuhilfe nehmen. Aber ich liebe Milchmädchen-Rechnungen. Sie auch? Darf ich meine Zahlen hier präsentieren? Der soeben zitierte Bericht listet, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, 75 jenische Familiennamen auf. In Basel-Stadt lauten 2'435 von insgesamt 93'064 privaten Telefonnummern auf einen dieser 75 Namen. Das sind 2,6%. Ich höre schon Ihren Einwurf, dass diese Zuordnung alleine auf Grund des Namens unzulässig sei, weil es ja in der Liste auch Namen habe, die nicht eindeutig den Jenischen zuzuordnen seien, wie zum Beispiel Moser oder Huber. Da haben Sie zweifellos recht. Auf der andern Seite gibt es aber auch etliche Jenische, die in dieser Namensliste nicht vorkommen. Angefangen beim ganz Banalen, nämlich zum Beispiel bei den mit einem Bürgerlichen verheirateten jenischen Frauen und deren Kinder, die in dieser Milchmädchen-Rechnung nicht mitgezählt werden können, da sie "unter falschem Namen" im Telefonbuch stehen, bis hin zu den Auswirkungen der Pro Juventute, die Hunderten von Kindern zwangsweise den Familiennamen wechselte oder sie zur Adoption freigab, gibt es eine nicht zu unterschätzende "Dunkelziffer". Da nach meiner Erfahrung, die sich wiederum mit Berichten aus allen Ländern deckt, gerade die wohnhaften Zigeuner eher in städtischen Gebieten leben, wage ich zu behaupten, dass auch bei genaueren Untersuchungen, bei denen diese ganzen Differenzen ab- und hinzugezählt werden, unter dem Strich wieder eine Zahl herauskäme, die nicht allzu weit von meiner Milchmädchen-Rechnung entfernt ist.
Es gibt mich, zu mindestens 2,6 %!

Was weiss die Basler Regierung über diese 2%? Vor mir liegt ein Regierungsratsbeschluss des Kantons Basel-Stadt vom 11. Februar 1986. Der damalige Grossrat Weder hatte 1980 einen sogenannten Anzug betreffend die Verbesserung der Stellung der Zigeuner / Fahrenden im Kanton Basel-Stadt eingereicht. Nach 6 Jahren intensiven Nachdenkens antwortete die Basler Regierung, Zitat: "Wir beehren uns, Ihnen zu diesem Anzug folgendes zu berichten: Die Fahrenden sind als andersartige Minderheit bei einem Teil der sesshaften Bevölkerung seit jeher auf Misstrauen und Ablehnung gestossen." Weiter weiss die Regierung zu berichten, nächstes Zitat: "Nach dem nicht zuletzt auf Druck der öffentlichen Meinung erfolgten Abbruch der Aktion Kinder der Landstrasse hat im Verlauf der 70er Jahre vor allem das Verhältnis zwischen Behörden und Fahrenden eine Wandlung erfahren. Während einerseits die Einsicht in den Wert ihrer Tradition und ihrer Kultur gewachsen ist, begannen sich auch die Fahrenden selbst teilweise zu organisieren sowie im Kontakt mit den Behörden aufgeschlossener zu zeigen und sich für ihre Interessen einzusetzen." Im übernächsten Abschnitt vertritt der Regierungsrat, Zitat: "grundsätzlich die Auffassung, dass das kulturelle Erbe und die Eigenständigkeit der Fahrenden erhaltenswerte Güter darstellen, welche im Rahmen der kantonalen Möglichkeiten der öffentlichen Förderung bedürfen. Dabei ist die Schwierigkeit nicht zu übersehen, dass es sich bei den Fahrenden um eine verhältnismässig kleine und weitgehend im Verborgenen lebende Minderheit handelt, in deren Eigenart sich die sesshafte Bevölkerung nicht ohne weiteres einfühlen kann." Im selben Jahre 1986, in dem dieser Bericht erschien, durfte das Zigeuner-Kultur-Zentrum nach jahrelangem vergeblichem Bemühen erstmals während 2 Wochen auf der Kasernenwiese gastieren und der hiesigen Bevölkerung ihre Kultur öffentlich zeigen. Ich war zu dieser Zeit Sekretär dieser Organisation und täglich auf dem Platz anwesend. Ich kann Ihnen deshalb hier versichern, dass ich von Seiten der Bevölkerung keine einzige negative Reaktion zu Hören bekam. Ein paar Jahre später wurden in Basel Unterschriften für zwei äusserst gegensätzliche Petitionen gesammelt. Auf der einen Seite sammelten 3 Leute innert weniger Wochen 1'033 Unterschriften unter eine Petition für die Schaffung von Standplätzen, die am 14.9.1990 der Baselstädtischen Regierung eingereicht wurde. Auf der andern Seite bemühte sich im Herbst 1991 die "IG Allschwilerwald", eine Gruppe Fahrender vom Parkplatz des Schützenhauses zu vertreiben. Sie entfachte ein eigentliches Trommelfeuer in den Medien. 3 verschiedene Journalisten befassten sich alleine in der BaZ innerhalb einer einzigen Woche mit dem Thema, der "Basler Bebbi" hetzte mehrmals auf der Frontseite gegen die Zigeuner vom Allschwiler Weiher und die Basellandschaftliche Zeitung lieferte am 5.12.91 mit ihrem Titel "Tanze, Zigeuner, tanze - aber nicht hier" dem bürgerwehrähnlichen Grüppchen das Motto zur Menschenjagd. Der IGA-Vorkämpfer Ulrich E. Bernhard aus Binningen, der, wie Christoph Keller in der WoZ vom 13.2.92 zu berichten wusste, an einer Sitzung seiner IGA von den 8 anwesenden Personen "spasseshalber" auch "Gauleiter" genannt wurde, musste eingestehen, dass seine Petition "um die einhundert" Unterschriften habe. Am Samstag, 27. Januar 1992 versammelten sich 50 Leute zu einer Kundgebung, aber die Fahrenden waren weg, vorgewarnt von der Polizei. Eine Woche später feierte die IGA ihren Erfolg mit einem Picknick. "Tanze, Zigeuner, tanze - aber nicht hier" stand auf einem Schild. Es gab Chips, Brot, Wein und Zigeunerwürste. Der WoZ-Korrespondent wusste in seinem Artikel weiter zu berichten, dass an der IGA-Versammlung von Anfang März 92 Ulrich-Eugen Bernhard einen Dankesbrief der Militärverwaltung Basel-Stadt für die tatkräftige Unterstützung bei der Lösung des Problems und der Reinigung des Platzes verlesen konnte.

Ich glaube, nach den nun folgenden Zitaten werden auch die meisten von Ihnen, sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser, mir beipflichten müssen, dass ich Grund zur Annahme habe, die Kontaktscheue zum Fahrenden Volk treffe eher die Basler Regierung selbst als deren Untertanen. Zitat: "Es ist ausserordentlich schwierig, die Zahl der einheimischen Fahrenden mit Schweizer Bürgerrecht zu schätzen. Da die Fahrenden bei der Einwohnerkontrolle nicht als solche verzeichnet sind, lassen sich auch mit Bezug auf den Kanton Basel-Stadt keine verlässlichen Zahlen angeben."
Es gibt mich nicht.
Ich zitiere weiter: "Immerhin bildet die seit 1974 bestehende Radgenossenschaft der Landstrasse als grösste Vereinigung der Fahrenden in unserem Land eine Organisation, welche verschiedenenorts als seriöse Interessenwahrerin der Fahrenden auf behördlicher Seite Anerkennung gefunden hat." Ist es wirklich vermessen, zwischen den Zeilen zu interpretieren, dass "verschiedenenorts" eben nicht Basel sei? Ich versuchte, der Sache auf den Grund zu gehen und kann Ihnen deshalb hier versichern, dass "Verschiedenenorts" kein Stadtkanton ist und auch kein Kantonshauptort. Dieses "Verschiedenenorts" muss wirklich sehr klein sein, es ist jedenfalls im Ortslexikon der Schweiz nicht zu finden und seine Postleitzahl beginnt, das kann ich zur Beruhigung der regionalen Behördenvertreter verraten, nicht, wie in der Region Basel üblich, mit einer 4.

Woher bezieht die Basler Regierung 1986, also deutlich nach dem Fichen-Skandal, die folgende Information, Zitat: "Es muss allerdings festgehalten werden, dass die Mehrzahl der Mitglieder dieser Genossenschaft aus Sesshaften besteht, welche die Lage der Fahrenden zu verbessern suchen und sich für die Erhaltung ihrer Kultur einsetzen." Ich war und bin Mitglied dieser Organisation und kann Ihnen als treuer Besucher von Generalversammlungen etc. hier berichten, dass neben den anwesenden Jenischen jeweils eine Handvoll Journalistinnen, eingeladene Gäste, Vertreterinnen des Bundesamtes für Kultur anzutreffen waren, bis dato aber noch nie ein Vertreter des Kantons Basel-Stadt. Es erstaunt mich deshalb auch nicht weiter, dass dieser hiervor immer wieder zitierte Regierungsratsbeschluss Nr. 6182, der auf 9 Seiten Papier 268 Schreibmaschinen-Zeilen umfasst, nur gerade zu 58% aus der Feder der Basler Regierung, respektive deren Beamten stammt. 113 Zeilen sind abgeschrieben: 37 Zeilen braucht die Zitierung des Anzuges Weder, mit 10 Zeilen wird der Bericht einer Kantonalberner Arbeitsgruppe berücksichtigt und standesgemässe 66 zitierte Zeilen sind, allerdings ohne Quellenangabe, aus dem Bericht der eidgenössischen Studienkommission abgeschrieben. Fazit dieser 6-jährigen Fleissarbeit: Der Baselstädter Regierungsrat wartet ab, was Liestal macht und, Zitat: "Die sich im Kanton Basel-Stadt im Zusammenhang mit der Lebensweise der Fahrenden und ihren Problemen stellenden Aufgaben haben nicht das Ausmass, welches die Bestimmung eines damit speziell zu betrauenden Mitarbeiters der Verwaltung als notwendig erscheinen lässt."

Nachzutragen ist noch, dass neben der gesamtschweizerisch in den Medien beachteten Abstimmung der Stadt Bern über den neuen Standplatz "Buech" auch die Stimmbevölkerung der Stadt Liestal der Schaffung eines Standplatzes deutlich zugestimmt hat. Soviel zum Thema "Mangelndes Einfühlungsvermögen der Bevölkerung".

Als ich mich 1998 der Unmöglichkeit, in der Region Basel einen behördlich abgesegneten Standplatz zu finden, beugte und mich als Nachmieter für eine frei gewordene Wohnung bewarb, beschied mir der zuständige Beamte aus dem selben Amt, das für die Zuweisung eines Standplatzes zuständig gewesen wäre, der "Zentralstelle für staatlichen Liegenschaftsverkehr", dass diese Wohnung für Leute gedacht sei, die wissen, wie man wohnt. Ich wohne jetzt trotzdem dort, mein Esel ist fast stubenrein geworden, ich lösche das Lagerfeuer im Wohnzimmer immer, bevor ich zu Bett gehe und gegen die nächste Zinserhöhung habe ich auch nicht rekurriert. Allerdings droht manchmal das Stromnetz im Haus zusammenzubrechen, wenn mein Computer versucht, 10 Mailmeldungen und zwei Internetseiten gleichzeitig herunterzuladen. Ob der nette Herr wohl das gemeint hat?

So schimpft man mich heute, mehr oder weniger spasshaft, einen Betonjenischen, ignorierend, dass ich damit eigentlich der haushochen jenischen Mehrheit von, nehmen wir die Bundeszahlen von 1983, 85% angehöre. Für die Wochenzeitung WoZ schrieb Stéphane Laederich als Veranstaltungshinweis auf diese Vortragsreihe und Fotoausstellung einen Artikel unter dem Titel "Die sesshaften Klischees". Er kommt in seinem Artikel bezüglich der reisenden und wohnhaften Romas zu erstaunlich ähnlichen Erkenntnissen. Er berichtet von einem Steuerverzeichnis, in dem die Türken im Jahre 1500 22'000 Roma-Familien auflisteten und nur elf davon, also 0.05% als Fahrende bezeichnen.

Auf die Frage, wieso es kriminelle Zigeuner gebe, antwortete ein Freund von mir spitzbübisch: "Wegen der Gleichberechtigung, es gibt schliesslich genug sesshafte Ganoven!"

Ich will jetzt auch noch einen Beitrag zur Gleichberechtigung liefern: zur Gleichberechtigung zwischen Basel-Stadt und -Land. Es stimmt zwar, dass mittlerweile die Änderung des Zonenplans für einen Standplatz in Liestal beschlossen ist und der Kanton Basel-Land somit in hoffentlich absehbarer Zeit wenigstens über 2 Plätze, nämlich denjenigen in Wittinsburg und eben den Liestaler Platz verfügen wird. Allerdings werden auch diese beiden Plätze nur einen kleinen Teil des basellandschaftlichen Verfassungsauftrags erfüllen, der da seit 1984 in § 109 lautet: "Kanton und Gemeinden helfen den Fahrenden bei der Suche nach Standplätzen".

Hausierabzeichen BasellandZur wirklich gleichberechtigten Würdigung der beiden Halbkantone greife ich bezüglich des Kantons Basel-Land noch ein zweites Thema auf: das Hausiergesetz. Ich streife damit gleichzeitig auch einen zweiten Bereich, der vielen Jenischen, Romas und Sintis, vorab natürlich, wenn sie zur Minorität der reisenden Zigeuner gehören, im Umgang mit Behörden überall Schwierigkeiten bereitet: die Arbeitswelt. Über das Hausiergesetz des Kantons Basel-Land gibt es folgende Merkwürdigkeiten zu berichten: Das Gesetz stammt aus dem Jahre 1877 und ist zusammen mit 2 Ergänzungsgesetzen von 1880 respektive 1932 heute noch in Kraft. Für reisende jenische Familien, die traditioneller Weise ihre Kinder im Winterhalbjahr in die öffentlichen Schulen schicken, im Sommer aber im Familienverband unterwegs sind, wo der Nachwuchs kontinuierlich in alle Gebräuche und auch die Arbeitswelt eingeführt wird, bringt das Gesetz mit § 18 faktisch ein Arbeitsverbot. Dieser lautet: "Den Hausierern jeder Art ist das Mitführen von Kindern, welche nach unsern Gesetzen im schulpflichtigen Alter stehen, untersagt." Dass das Gesetz hauptsächlich auf Zigeuner und, bei der Abfassung im 19. Jahrhundert noch wichtig, hausierende jüdische Tuchhändler, ausgerichtet war, verklausuliert der § 6 auf schon fast literarische Art (Zitat): "Ohne Patent und ohne weitere Bewilligung dürfen ihr Gewerbe ausüben die im Kanton wohnhaften Handwerker sowie die Angehörigen von benachbarten Grenzgemeinden, welche nach hiesigem Landesbrauch auf die Stör gehen." Das ist auch einem Landrat, wie die Parlamentarier im Baselbiet heissen, aufgefallen. Dieser Landrat Werner Zahn reichte am 1. September 1980 zusammen mit 9 Mitunterzeichnern eine Motion ein, die feststellte (Zitat): "Die Gesetze schützen vor allem das einheimische Gewerbe und sind gegen Juden und Zigeuner gerichtet. Sie schränken Minderheiten ein und verstossen gegen die Gewerbe- und Handelsfreiheit." Die Motionäre forderten den Regierungsrat auf, dem Landrat ein modernes Hausiergesetz vorzulegen. 20 Jahre später steht diese Motion noch immer auf der Traktandenliste des Regierungsrates. Dass eine Revision nicht das Anliegen eines einzelnen Wirrkopfes ist, sondern einem echten Bedürfnis entsprechen würde, lässt sich auch aus der Tatsache folgern, dass in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre immer noch regelmässig zwischen 400 und 600 Hausierpatente pro Jahr gelöst wurden, wie die jeweiligen Amtsberichte des Regierungsrates auflisten. Dass die Revision längst überfällig wäre, um auch mit den unrühmlicheren Zeiten basellandschaftlichen Regierens aufräumen zu können, illustriert folgende Kuriosität aus der Gesetzesrevision von 1932. Mit dem Ergänzungsgesetz II vom 7. März 1932 wurde nebst dem Hausierpatent ein spezielles Hausierabzeichen eingeführt. Diese Aluminium-Plakette in der Grösse einer Hundemarke ist im Kantonsarchiv noch im Original einsehbar. Gemäss der Gesetzesbestimmung ist sie durch den Hausierer offen und jederzeit sichtbar am Revers zu tragen. Anlässlich einer Gebührenerhöhung strich der Regierungsrat 1982 den Paragraphen, der das Abzeichen einführt, wahrscheinlich versehentlich, denn die Einführung des Abzeichens war im alten Gebührenparagraphen enthalten. Bis heute gültig ist jedoch der § 7 dieses Gesetzes, der da lautet (Zitat): "Personen, die das Hausieren in einer das Publikum belästigenden Weise ausüben, oder bei der Ausübung der Hausiertätigkeit das Abzeichen nicht sichtbar tragen, kann das Patent von der Polizeidirektion entzogen und verweigert werden." Die Hausiererinnen bekommen heute also auf dem Patentamt keine Hundemarke mehr, wenn sie sie aber nicht tragen, kann ihnen das Patent entzogen werden...

Bin ich nun zu weit von meiner Themen-Vorgabe abgewichen? Ich hoffe, dass Sie mit mir einig gehen, wenn ich das bisher Vorgetragene zur Kategorie "Lehrstück aus der jüngeren Vergangenheit" ablege und somit beruhigt bin, wenigstens beim Thema "Geschichte der Jenischen" geblieben zu sein. Nun möchte ich Ihnen etwas über Beton- und andere Jenische erzählen:

In St. Gallen verwies mich einst ein Taxifahrer: "Taxis fahren nicht in den Wilden Westen!" So musste ich halt zu Fuss den Weg suchen zu jener berühmten Strasse, die links und rechts von kleinen Holzhäusern gesäumt wurde. Links wohnten die Italiener, rechts die Jenischen. Auf der linken Seite stand Fiat hinter Fiat, rechts war Opel Blitz die vorherrschende Automarke, der Kleinlaster seiner Zeit, mit dem die Alteisenhändler und die Möbelhändler jeden Morgen in alle Richtungen ausschwärmten, um ihren Geschäften nachzugehen. Die reisenden Jenischen trugen zu jener Zeit vielleicht ihre Nasen noch nicht ganz so hoch. Jedenfalls hörte ich nie das Wort "Baracken-Jenische". Im Gegenteil, mich dünkt, die reisenden, die zum Teil noch in Zelten, meist aber in schlecht isolierten modernen Caravans, Blechwohnwagen also, wohnten, beneideten eher die "Hauszigeuner", die "es geschafft", "zu etwas gebracht" haben. Ein paar Jahre später hat die Schliessung der Aktion Kinder der Landstrasse dem jenischen Selbstbewusstsein ungeheuren Auftrieb gegeben. Auch wurden zur gleichen Zeit die Wohnwagen grösser und schöner. Und schnell kehrte sich das Blatt: die wohnenden schielten plötzlich neidisch auf die reisenden Jenischen, die "noch richtige Zigeuner sind", dem in den 70er Jahren wieder hochgejubelten romantischen Lagerfeuer-Bild entsprechen. Welche Wechselwirkungen gab und gibt es zwischen dem medialen Zigeunerbild und der jenischen Selbstwahrnehmung? Gerade vor dem Hintergrund des grassierenden, vorab zwangsweisen, Kulturverlustes liegt es auf der Hand, dass viele Betroffene, z.B. Opfer der Pro Juventute, im Verlaufe ihres Lebens ihre Identität und Selbstwahrnehmung z.T. mehrfach überprüfen und den Gegebenheiten anpassen müssen und sich dabei zu einem nicht zu unterschätzenden Teil auf "die öffentliche Meinung", das mediale Bild der Zigeuner abstützen.

Dabei sind zwei Hauptstränge der Adaption des Medienechos auf die eigene Identität auszumachen. Die eine Schiene ist die romantisierende, die die leider unbekannten eigenen Vorfahren gerne mit Gitarre oder Handorgel bewaffnet ans Lagerfeuer setzt. Der "Betonjenische", der sich dieses Musters bedient, kann seine Vorfahren so bequem in ein Schwarzweiss-Raster einordnen, mit einem lieben "Näni", den man wegen der bösen "Pro Juventute" nicht kennengelernt hat (und er selbst deshalb halt "im Beton" gelandet ist). Der reisende Jenische hat es da bedeutend schwieriger. Wenn er den romantisierenden Suggestionen erliegt, hat er etliche Schwierigkeiten, sich den ganzen Tag die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, scherzend und wahrsagend durch die Gegend zu ziehen, jeden Abend auf dem Asphaltplatz neben der Kehrichtverbrennung ein lustiges Lagerfeuerchen zu entfachen und trotzdem irgendwie das für den Lebensunterhalt Notwendige zu erreichen.

Die andere Schiene ist die dämonisierende, auf der die Vorfahren (und zum Teil auch die jenische Umwelt) als dem Medienbild entsprechend kriminelle, alkoholkranke, lasterhafte, unordentliche Meute wahrgenommen wird. Auch dieses Argumentarium ist für den "Betonjenischen" bedeutend einfacher zu handhaben als für den reisenden. Für den "Betonjenischen" lässt sich daraus, in Abgrenzung vom romantisierenden Bild, eine Entschuldigung für das eigene vermeintliche Versagen basteln, eine Rechtfertigung für die Existenz in den Häusern, von der viele Jenische glauben, dass sie sich für die "richtigen Jenischen" eben nicht gehört. So beruft sich der Benützer der dämonisierenden Argumente darauf, dass er halt (hoffentlich aber nur zum Teil) jenische Vorfahren habe, selbst aber aller Unbill zum Trotz es geschafft habe, ein ordentlicher Schweizer zu sein, mit ordentlicher Frau und Kind, ordentlicher Wohnung und Auto und einem Schuldenberg wie jeder Durchschnittsschweizer auch, über den man aber ja nicht spricht.... Der reisende Jenische hingegen kann das negative Medienbild für sich selbst kaum anwenden. Es nützt ihm allenfalls in Abgrenzung von andern reisenden Gruppen oder Stämmen (was da in der Zeitung stand, ist ja wieder typisch für die "andern Zigeuner", aber wir Jenischen würden so etwas nie tun!) oder, verbunden mit einer gewissen Medienkritik, zur Abgrenzung von den "Betonjenischen", denn nach seiner Ansicht hatte Pro Juventute hauptsächlich bei den "alkoholisierten Betonjenischen" Erfolg, während die reisenden Jenischen klaren Kopfes die mögliche Verfolgung immer rechtzeitig erkannten und weiterreisten.... "Aber diese Journalisten werfen ja immer alle in einen Topf!"

Schon oft wurde ich gefragt, wie es dazu kommt, dass die Mehrheit der Jenischen "wohnt", meist mit einem Seitenblick, wir seien doch keine "richtigen Zigeuner". Die Fragesteller wissen ja nicht, dass das Verhältnis zwischen Wohnenden und Reisenden bei den andern Stämmen auch nicht anders ist. Um so mehr überrascht dann meine Antwort: Weil wir gerne warm haben!

Und ich meine das durchaus ernst. Haben sich die Menschen nicht schon zur Steinzeit ein möglichst warmes und sicheres Plätzchen gesucht? Stimmen die Bilder etwa nicht, die mir mein Primarschullehrer vermittelte, vom grossen Fortschritt durch die Zähmung des Feuers? Meine Vorfahren konnten ihre Geschäfte unmöglich von einem Haus aus abwickeln, der tägliche Weg nur schon quer durch einen halben Kanton hin und zurück, heute hier, morgen dort, wäre viel zu beschwerlich gewesen. Die Motorisierung der Massenmobilität vergrösserte den täglichen Aktionsradius ungemein. Ich konnte in die Vorbereitung dieses Vortrags leider zu wenig Recherchierzeit investieren. Deshalb kann ich Ihnen leider, was ja wissenschaftlich korrekt und notwendig wäre, die Quelle des folgenden Zitates nicht beim Namen nennen. Es sind an die zwanzig Jahre her, als ich die folgende Beschwerde eines Fürsorgers in einer Fürsorgeschrift aus den 1920er Jahren las. Er beklagte sich darüber, dass seine jenische Klientschaft immer bequemer würde und nun tatsächlich schon das Velo oder gar den Zug für ihren Hausierhandel benütze. Kleine Einflechtung an dieser Stelle: Wussten Sie, dass unser schweizerischer Bundesrat 1906 ein generelles Transportverbot für Zigeuner in eidgenössischen Bahnen und Schiffen erliess? Allen Widerwärtigkeiten zum Trotz versuchten natürlich gerade die reisenden Völker, die Jenischen, Romas, Sintis, sich die Verbesserungen der Mobilität so schnell als möglich zu eigen zu machen. Eine bessere Mobilität versprach nämlich durch den grösseren Aktionsradius einerseits eine bessere Absicherung der eigenen Geschäftstätigkeit gegenüber der langsameren Konkurrenz und gestattete es andererseits, siehe oben, das warme und sichere Plätzchen, eine schöne Waldecke mit einem netten Dorfpolizisten, der einen nicht täglich zu vertreiben suchte, zum Beispiel, länger zu halten, den Reiseintervall zu verlängern.

In den 80er Jahren konnte ich dank meines Autos problemlos auf einem Standplatz im Kanton Zürich wohnen und am einen Tag im Appenzellischen, am nächsten im Kanton Aargau meinen Geschäften nachgehen. Zwanzig Jahre später kann ich dank meines Internet-Anschlusses ebenso problemlos in meiner Wohnung in Basel sitzen und wenigstens einen Teil meiner Geschäfte heute mit Shanghai, morgen mit Buenos Aires abwickeln. Meine geschäftliche Mobilität hat sich also von den Möglichkeiten her in den letzten hundert Jahren um das x-tausendfache erweitert und gleichzeitig die Notwendigkeit, den Aufenthaltsort in kurzen oder kürzesten Intervallen zu wechseln, um das x-hundertfache verringert.

Ich denke, dass man diesen Aspekt bei der Diskussion um die zunehmende Sesshaftigkeit der nomadischen Völker in Europa bisher sträflich vernachlässigt hat. Stets standen Zwangsassimilisationen, behördliche Sesshaftmachungen, Kindswegnahmen im Vordergrund der Erklärungsversuche. Das ist den Tziganologen nicht zu verdenken. Sie sitzen schliesslich schon seit es sie gibt in warmen Stuben.

Natürlich haben die Tziganologen mit ihren Argumenten auch Recht. Die Kindswegnahmen spielen sicher auch eine wichtige Rolle. Die Kinder und Kindeskinder eines behördlich aus seiner jenischen Familie entrissenen Fürsorgemündels summieren sich innert eines Jahrhunderts schnell zu einer Hundertschaft sesshafter Jenischer. Die nächste Hundertschaft ergibt sich aus den Ängstlichen, die hofften, mit der freiwilligen Sesshaftwerdung und einer möglichst unauffälligen Lebensweise, den behördlichen Zwangsmassnahmen zu entfliehen.

Wie fatal sich diese Hoffnung auswirken konnte, zeigt gerade die Aktion Kinder der Landstrasse. Ihr Leiter Alfred Siegfried bemühte sich über Jahrzehnte hinweg, möglichst vollständige Stammbäume der Jenischen in der Schweiz anzulegen und eines möglichst grossen Teils ihrer Kinderschar habhaft zu werden. Im Vortrag, den Thomas Meier in diesem Zyklus hielt, berichtete er aus den im Bundesarchiv gesichteten Pro Juventute-Akten. Er erwähnte einen konkreten Fall, indem der Dorfpolizist sich sträubte, das Kleinkind aus seinem ärmlichen, aber intakten Umfeld in einem Mietshaus zu entreissen und wie geheissen in die Obhut des Alfred Siegfried und seiner ausführenden Organe in den Kinderheimen zu überführen. Thomas Meier erklärte weiter, dass ihm alleine schon bei der kurzen und eher oberflächlichen Durcharbeitung dieses Aktenbestandes mehrere ähnliche Fälle begegnet seien. Ich kann noch einen weiteren Fall hier anführen: Mein Vater zeigte mir als kleinem Buben das Haus im Zürcher Unterland, in dem er geboren und bis zu seinem Diebstahl durch Pro Juventute aufgewachsen war.

So seltsam diese Häufung der aus Wohnungen und Häusern gestohlenen jenischen Kinder auf den ersten Blick scheint, so einfach und naheliegend ist die Erklärung. Die wohnenden Jenischen waren für die Behörden viel einfacher aufzuspüren und zu verfolgen. Auch Alfred Siegfried berichtet in seinen Schriften von den Schwierigkeiten, die er hatte, um der Kinder reisender Jenischer habhaft zu werden. Glaubte er sich am Ziel und schickte die Polizisten auf einen bestimmten Standplatz, geschah es nicht selten, dass die Familie schon weitergezogen war und die Suche von Neuem begann. Man kann deshalb getrost davon ausgehen, dass ein Gutteil seiner 600 Mündel aus wohnenden jenischen Familien stammte. Es stellt sich also die Frage, warum sein sogenanntes Hilfswerk "Kinder der Landstrasse" hiess und nicht "Kinder der Wohnzimmer".

Der immer wieder beklagte Kulturverlust ist tatsächlich ein Problem. Nachdem vor allem in den letzten 200 Jahren einerseits die allgemeine Mobilität sich rasant entwickelte und andererseits der Lebensraum für reisende Jenische, Romas und Sintis dramatisch enger wurde, erstaunt die rund 90%ige Sesshaftigkeit bei näherer Betrachtung eigentlich nicht. Die letzten 200 Jahre brachten für die Jenischen noch mehr als für die Sesshaften grosse Veränderungen mit sich. Mit den grossen Meliorationen im schweizerischen Mittelland, zum Beispiel im Grossen Moos, in der Linthebene, im Reusstal und der allgemein schon im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung rapid vor sich gehenden Verbauung der Landschaft verschwanden ihre traditionellen Schlupfwinkel und Aufenthaltsorte einer nach dem andern.

Diese allein vermag den ausgerufenen kulturellen Notstand jedoch bei weitem nicht zu erklären. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts gab es in jeder Schweizer Stadt, in jedem Städtchen gar, irgendwo eine Siedlung wie den beschriebenen St. Galler "Wilden Westen". In diesen Siedlungen lebten die Jenischen wie auch auf der Reise weitgehend unter sich. So übten sie nicht nur weiterhin ihre hergebrachten Gewerbe aus, sondern bewahrten auch noch etliche ihrer Traditionen, Festtagsbräuche, usw. und pflegten ihre Sprache.

Diese Siedlungen mussten mittlerweile überall schönen neuen Einkaufscenters und Gewerbezonen weichen. Einige wenige dieser vertriebenen jenischen Familien sind aus ihren Häuschen und Baracken in den Wagen gezügelt. Wahrscheinlich sind diese heute wichtige Hüter des kulturellen Schatzes der Betonjenischen! Denn für das Wohnen im Familien- oder gar Sippenverband gibt es keine Strukturen mehr, diese Siedlungen wurden ersatzlos geschleift. So wurde jener Teil der "Holzhäuschen-Jenischen", die in neuen Wohnungen ihr Fortkommen suchten, buchstäblich in alle Winde zerstreut und auseinandergerissen.

Es sind nun auch schon wieder mehr als 10 Jahre verflossen, seit sich die nachfolgende Episode ereignete. Ich fuhr mit meinem Lieferwagen auf Geschäftsreisen durch das Klettgau. Ich schaltete das Radio ein und hörte zufällig das Regionaljournal für den Kanton Schaffhausen. Der Reporter berichtete von einem kleinen, aber rasch wachsenden Dorf in der Agglomeration Schaffhausen. Noch bis in die 70er Jahre galt es als "rückständiges Kaff hinter den sieben Bergen", wo nur eine Handvoll Viehhändler wohnt. Inzwischen bauen hier Bankangestellte ihr Häuschen auf dem Land und ein neues Schulhaus wurde auch eingeweiht.

Auf dem Pausenplatz beobachtete der Reporter die Rivalität zwischen zwei Kinderbanden, den Eingesessenen und den Zugezogenen. Die Eingesessenen waren sehr stolz, denn sie hatten eine Geheimsprache, mit der sie auftrumpfen konnten: die Händlersprache ihrer väterlichen Viehhändler. Hier spitzte ich meine Ohren, denn was vernahm ich: Jenisch. Dieses Dorf lebte während Jahrhunderten vom Viehhandel. Auf den Märkten kamen die Händler natürlich mit aller Gattung Leuten zusammen. Und obwohl sie in ihrem Tal Bauern waren, standen sie auf den Märkten der gesamten Ostschweiz, die sie bereisten, zusammen mit den Jenischen und andern Krämern den jeweiligen Ortsansässigen gegenüber. So muss wohl die Sprache im Laufe der Zeit abgefärbt haben. Und sie werden die Kenntnis einer eigenen Sprache im Geschäftsleben sicher auch gepflegt haben, denn so konnten sie beispielsweise beim Einkauf untereinander die angebotene Viehhabe und die geforderten Preise diskutieren, ohne dass die Gegenparteien allzuviel verstanden. Sie entwickelten eine eigene Dorfsprache, die ich nun aus Kindermund am Radio vernahm. Sie enthielt sehr viel Jenisch, aber auch Jjdisch und einzelne französische und italienische Wörter, alles zusammen vorgetragen im Schaffhausischen Singsang.

Sie fragen mich, wieso ich das hier erzähle? Weil es indirekt den Unterschied zwischen der Zeit des "Wilden Westens" und dem Leben der meisten heutigen Betonjenischen illustriert. Genauso, wie diese alteingesessenen Schaffhauser eine intakte Gemeinschaft bildeten, die ihre Sprache im ganzen Dorfkern, in Haus und Hof wie auch im Gasthaus benutzen konnte und eine ganze Gruppe Kinder hatte, für die die Sprache Alltag war, die sie deshalb beherrschten und auch auf dem Pausenplatz einsetzen konnten, genau so funktionierten Siedlungen wie St. Gallens "Wilder Westen".

Für die Kinder der vereinzelten jenischen Familien hat die Sprache nicht mehr den selben Nutzen. Selbst wenn sie im Haus noch gesprochen wird, hat sie die Selbstverständlichkeit der Strasse verloren. Die Kinder einer einzelnen Familie sind in den Städten und Vorstadtgebieten auch eine zu kleine Gruppe, um als solche wirklich eigenständig agieren und auf dem Pausenplatz bestehen zu können, weshalb die Sondersprache für sie keinen direkten täglichen Nutzen mehr hat und die Pflege deshalb schwerer fällt, zur Aufgabe der Eltern wird. Ein Grossteil der 30'000 Betonjenischen in der Schweiz aber hat die Sprache entweder schon vor einer oder zwei Generationen verloren oder pflegt sie aus ebenfalls verständlichen Gründen heute nicht mehr. Sie versuchen, sich bestmöglich zu integrieren, um keinen Preis aufzufallen oder als Jenische erkannt zu werden.

Die Jenischen haben eine Tradition als verstecktes Volk. Als heimat- und papierlose waren sie während Jahrhunderten auf ihre Anpassungsfähigkeit und, da Duldung oder Wohlwollen zwar gesucht, aber nicht vorausgesetzt werden konnte, die Fähigkeit, sich zu verstecken, angewiesen. Gehört heute für viele zu ihrer Art des Versteckens, dass sie keine Sprache mehr haben oder haben wollen, war früher das Gegenteil der Fall. Die eigene Sprache war für das Leben am Rand der Gesellschaft existenziell. Selbst auf grosser Reise, wenn zum Beispiel ein Paar unterwegs war zu einer Römerhochzeit oder sardischen Hochzeit, war die eigene Sprache im fremden Land hilfreich. Man erkannte überall die eigenen Leute und diese konnten dank gemeinsamer Sprache weiterhelfen, die nötigen Tips geben, wo es Herberge gibt, wo Gefahr droht.

Die Zwangseinbürgerungen des jungen Schweizer Staates in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren in erster Linie ein Zwang für die Kantons- und Gemeindebehörden, wohl eines der ersten Male, dass die Beamten der unteren Ebenen ernsthaft über "die da oben in Bern" fluchten. Bei den Jenischen gab es zwar auch etliche, die die später zum Tragen kommenden Gefahren der neuen Papiere mit der besseren Kontrollierbarkeit und den daraus resultierenden Zwangsmassnahmen vorausahnten und deshalb den Ausweisen zu entkommen suchten. Am weitestverbreiteten dürfte bei den Jenischen in diesem Zeitpunkt aber die Angst vor dem Moment selbst, den mit der Einbürgerung einhergehenden Zigeunerjagden gewesen sein. Auf der andern Seite wird ein recht grosser Teil der Jenischen, wenn sie die Einbürgerung unbeschadet überstanden hatten, über die neuen Papiere frohlockt haben. Waren sie nicht jahrhundertelang zum Papst oder zum König von Sardinien gereist, um endlich Papiere zu bekommen, die sie gegen die allgegenwärtigen Landjäger schützen sollten? Plötzlich bekamen sie die Chance, sich auch in den Dörfern und Städten aufzuhalten, gar eine reguläre Wohnung zu nehmen!

Viele packten diese Chance bei den Hörnern, dachten, "es" geschafft zu haben. Sie hinterlegten ihre Schriften, bauten Baracken, mieteten mit ihren Grossfamilien ganze Häuser. Sie lebten in Schaffhausens Vorstadt, im Basler "Negerdörfli". Ihre Familie, sie kannten nichts anderes, hielt zusammen. Jetzt hatten sie einen sicheren warmen Ofen, wo sie jeden Abend "sichern", was auf jenisch kochen heisst, konnten. Am nächsten Morgen musste nicht mehr das ganze Bündel gepackt und hinter sich hergeschleift werden. Nur noch eine Hausiertasche für die Textil- und Kurzwarenhändlerinnen, welch' ein Fortschritt!

Doch den Hütern der Staatsraison waren diese wilden Gesellen, die jetzt ihre Körbe in Baracken flochten, auch mit Papieren suspekt. Man könnte das 20. Jahrhundert auch als ein Jahrhundert des Papiers oder der Papiere bezeichnen. Doch was hatten wir Jenischen davon? Schon in der Vergangenheit hatten die Jenischen die Erfahrung gemacht, dass ihnen von den Papieren meist Gefahr droht. Wenn der Amtsmann ein Papier unterschrieb, verhiess das meist nichts Gutes, dann drohte Ausweisung, Abschiebung, Strafe. Nun hatten sie alle eigene Papiere, Heimatausweise, Niederlassungsausweise. Und was hatten sie davon? Nichts als Scherereien!

Das eine Papier namens Heimatausweis gebar einen ganzen Berg neuer Papiere. Hatten die Jenischen beispielsweise bis dato ihre Steuern indirekt durch die exorbitant hohen Hausierbewilligungs-Gebühren bezahlt, wurden sie nun plötzlich mittels ordentlicher Steuererklärung doppelt zur Kasse gebeten. Diese Doppelbesteuerung besteht bis heute, sie wird erst jetzt im Rahmen des Binnenmarkt-Gesetzes, das die Anwaltskammer nutzte, um für sich die Abschaffung der kantonalen Lizenzen durchzusetzen, abgeschafft.

Der Heimatschein täuschte nicht darüber hinweg, dass die meisten von ihnen weiterhin nicht um 6 Uhr vor den Fabriktoren standen, sondern mit Vorliebe eigenständige Existenzen führten, die weder durch Fabrikgesetze noch durch die alten Zunft- und Handwerksordnungen reglementiert und kontrolliert waren. Korben, Schleifen, Verzinnen, Bürstenmachen, usw. Diese freien Berufe, oft auch noch unter freiem Himmel ausgeübt, waren für die Kunden ein Bedürfnis, den alten Zünftern aber suspekt. "Ja, kann man denn davon leben?" werde ich auch heute noch gefragt. Damals gingen die Behörden selbstverständlich davon aus, dass man eben nicht davon leben könne. "Arbeitshaus" hiess die Strafe für "liederlichen Lebenswandel", der oft einfach dadurch definiert wurde, dass der Angeschuldigte keiner reglementierten Tätigkeit nachging. Dass diese Vaganten nun Ende des 19., Anfangs des 20. Jahrhunderts davon sogar Miete bezahlten, machte sie nur noch verdächtiger. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!

Der Bub ist mitten im Dorf mit einem Apfel in der Hand angetroffen worden? Die Zigeuner haben doch keinen Apfelbaum! Diebe! Doch für diese Diebe gab es nicht nur Hiebe. Jetzt, nach der Einbürgerung, endlich, konnte man sie los werden, per Schub, mittels amtlicher Abschiebung also, "zurück" in ihre "Heimatgemeinden". Den Vater hierhin, die Mutter dorthin. Und die Kinder? "Sind ja sowieso unehelich, wir haben ihnen das Heiraten ja tausend Mal verboten. Aber Sie wissen ja wie das ist, mit diesen Triebhaften! Braucht nicht der Bauer hinten im Tal ein neues Knechtlein? Sonst schicken wir sie halt mit der Mutter, soll doch die "Heimatgemeinde" schauen, wie sie zurecht kommt."

Im 19. Jahrhundert wurde nach und nach unsere ganze Umwelt auf die Bedürfnisse der Industrialisierung zurechtgestutzt. Die alten Stadtmauern mussten dem Verkehr und den schnell explodierenden Zentrumsfunktionen des Wirtschaftsstandortes weichen. Flüsse wurden begradigt, die Landschaft neu parzelliert, der Gesellschaft eine neue Verfassung geschrieben. Noch fast hundert Jahre lang bewegten sich die Jenischen am Rande oder ausserhalb dieser neuen Weltordnung. Je durchreglementierter das ganze Staatswesen funktionierte, desto weniger konnte der Staatsapparat aber verstehen oder tolerieren, dass grosse Teile der Umwelt gezügelt, die wilden Bäche gezähmt, aber ein noch so kleiner Teil der menschlichen Gemeinschaft noch nicht begradigt ist. Selbstverständlich musste auch diese "Begradigung" in geordneten Bahnen ablaufen. Willkürliche Eingriffe, mal eine Ausweisung oder Abschiebung da, mal eine Haft oder Prügelstrafe dort, das passte nicht mehr ins Weltbild der modernen Gesellschaft. So kamen die Psychiater mit ihren erbbiologischen Rassentheorien wie gerufen. Nachdem offenbar die Einbürgerung alleine nicht gefruchtet hatte zur Zähmung der scheinbar Wilden, attestierten diese Fachleute auf ordentlichem Papier die Krankheit und Anomalität dieses Menschenzweigs, dieses Wildtriebs am Obstbaum der menschlichen Gemeinschaft. Endlich war ein ordentliche Grundlage da zur reglementierten Begradigung der Gesellschaft. Was bisher Willkür war, bekam nun System. Die Aktion Kinder der Landstrasse setzte die Massstäbe. Viele kantonale, kommunale und auch private "wohltätige" Institutionen handelten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach dieser Richtschnur, sei es in Zusammenarbeit mit Pro Juventute oder auch allein.

So wurde für viele Jenische der vermeintlich sichere Hort, das Haus, die Baracke, die Wohnung erneut zum Ort der Verfolgung. In der Ausweglosigkeit dieser Situation ist es nur zu verständlich, dass viele von ihnen als nächste, letzte Flucht den Weg in eine innere Emigration bis hin zur völligen Selbstverleugnung suchten, sich selbst und ihren Kindern Sprache und Tradition verboten.

Hierin sehe ich die tatsächliche Dimension der Verfolgung, die die ganze Gesellschaft zu verantworten hat, wenn auch bisher meist nur die Pro Juventute als Speerspitze der ausführenden Organe angeprangert wurde.

Ich nähere mich dem Schluss meiner Ausschweifungen und will hier versuchen, als der langen Rede kurzer Sinn ein Resumée zu skizzieren. Mit der detaillierten Beschreibung behördlicher Schriftstücke und behördlichen Verhaltens in den Basler Halbkantonen versuchte ich zu dokumentieren, dass die Verfolgungen und Diskriminierungen mit dem Abschluss der Aktion Kinder der Landstrasse nicht einfach vom Tisch gewischt sind, sondern in vielfältigen und oft sehr sublimen Formen weitergehen. Mit meinen Zahlenspielereien wollte ich Ihnen zeigen, dass die heute auf insgesamt gegen 70'000 Personen, das sind neben den hier hauptsächlich erwähnten 35'000 Jenischen ca. 30'000 Romas und 5'000 Manouche/Sinti, geschätzte zigeunerische Bevölkerung der Schweiz viel zahlreicher, aber auch ganz anders ist, als das immer wieder in den Medien verbreitete Bild der reisenden Minorität suggeriert. Wenn 2 von 100 Bewohnern dieses Landes Zigeuner sind, können Sie sich ausrechnen, wie oft Sie schon mit einem Zigeuner im Restaurant oder im Tram sassen, ohne es zu merken. Viel zu kurz waren meines Erachtens die Darstellungen des Lebens der Betonjenischen. Streiflichtartig konnte ich einige Stationen der wohnenden Zigeuner der letzten 200 Jahre beleuchten, muss allerdings feststellen, dass ich bisher praktisch keine Kenntnis über ihr Leben vor 1850 habe. Das in diesem Vortrag geschilderte muss aber auch Fragment bleiben, weil der Detailschilderung dieses Volksteils eine gründliche Darstellung des Ganzen vorausgehen muss. Ein wichtiger Aspekt meiner Ausführungen waren die widersprüchlichen Auswirkungen der Sesshaftigkeit und der verbesserten Mobilität, indem die scheinbare Sicherheit der sesshafteren Wohnformen oft von neuen Qualitäten der Verfolgung überschattet wurden. Die Sprache als wichtiger Ausdruck der Kultur respektive des oft beklagten Kulturverlusts setzte ich in Relation zu den übrigen Lebensumständen.

Tziganologen prophezeiten schon im 19. Jahrhundert den baldigen Untergang der Roma, Sinti und Jenischen-Kulturen. Wir sassen an den Abenden dieses Vortragszyklus, am Beginn des 21. Jahrhunderts, in einem Saal dieser Universität, die vor 2 Jahren einer jenischen Schriftstellerin den Ehrendoktor-Titel verlieh. Diese Universität veranstaltete eine Fotoausstellung und Vortragsreihe. Die Eidgenossenschaft gründete eine Stiftung Zukunft Schweizer Fahrende. Die Jenischen haben eine eigene Zeitung, die "Scharotl", also Wohnwagen, heisst. Sie haben eine Organisation, die Radgenossenschaft, die verschiedenenorts auf behördlicher Seite Anerkennung gefunden hat. In Einsiedeln finden seit zwei Jahren wieder jenische Wallfahrten statt. Meine Internet-Suchmaschine findet das Wort Jenische 2'000 Mal. Aus dem Sandkasten hinter meinem Haus höre ich jenische Wörter.
Es gibt mich doch.


Erstpublikation in: Helena Kanyar Becker (Hrsg.): "Jenische, Sinti und Roma in der Schweiz", Basel, Schwabe, 2003. 185 Seiten mit 10 Abbildungen. ISBN 3-7965-1973-3


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