Woher die Jenischen kommen

Immer wieder werden wir gefragt, woher die Jenischen kommen. Ueber die Herkunft der Jenischen gibt es unzählige Legenden, Andeutungen und Meinungen. Gerade gestern habe ich einem befreundeten Sinto ein Mail zu diesem Thema gesandt. Ich füge es hier "Paste & copy" ein, mein Freund kann ja drüber weglesen ;-)

"Weisst Du noch, unsere Diskussion im Chat, woher die Jenischen kommen?

Nun, hier meine Version (nicht nur meine, ich hab sie nicht erfunden, aber es ist die, die mich logisch dünkt):

Der ganze Anfang der Menschheit war nomadisch. Mit der Zeit begannen gewisse, sich Tiere zu halten. Und dann begann der Ackerbau. Auch das war am Anfang noch nomadisch, sie haben immer wieder neue Brandrodungen gemacht, weil sie noch nicht wussten, wie sie einen Acker über Jahre hinweg fruchtbar halten können. Je mehr sie aber über Land- und Viehwirtschaft wussten, desto langsamer wurde ihre Reise, bis sie sesshaft wurden. Ein Teil aber ist nomadisch geblieben, das sind die nomadischen Völker der ganzen Welt, wie wir sie heute noch kennen.

Unsere Vorfahren, ob Sinte, Rom, Jenische hatten's auch vor 200 und mehr Jahren nicht leicht. Denn je mehr Sesshafte es gab, desto konsequenter beanspruchten sie alles Land für sich und tolerierten uns immer weniger, auch nicht mehr auf den Allmenden, höchstens noch im Sumpfland, das es mittlerweile ja auch kaum mehr gibt. Der Grundbesitz der Sesshaften richtete sich nicht nur gegen uns, der Grundbesitz ist ein wichtiger Kern aller Kriege. Je mehr Leute sie wurden, desto weniger konnten aber in der Landwirtschaft arbeiten. Sie suchten neue Arbeiten, die sie bisher nicht gemacht hatten. Und so wurden sie auch im Beruf zu unsern Konkurrenten, die aber als Sesshafte und damit als Teil der regierenden Gesellschaft selbst "Recht" machen konnten und uns so weiter ausgrenzten, um unsere Berufe erobern zu können.

Im 19. Jahrhundert entstand eine neue "Wissenschaft": die "Tsiganologie". Die Frage: "Woher kommen die Zigeuner" ist eine typisch sesshafte Frage, weil sie alles an einem Ort festmachen wollen. Wir waren doch einfach schon immer hier und überall! Die Frage liess den Tsiganologen aber keine Ruhe. Weil sie mit den schriftlichen Quellen nicht sehr weit kamen, verlegten sie sich auf die Sprachforschung. So konnten (oder glaubten zu können) sie an Hand unserer Worte unsere Reiseroute und Reisezeit zurückverfolgen, wie sie meinen bis nach Indien. Tatsache ist doch aber, dass halt Sanskrit die ältesten zugänglichen Sprachreste sind. Sanskrit wurde in einem sehr grossen Gebiet gesprochen, in verschiedenen Dialekten natürlich, grob gesagt vom Euphrat bis fast nach China. Unsere Vorfahren reisten wohl zu dieser Zeit in diesem Gebiet. Um das noch weiter zurückverfolgen zu können, fehlen den Forschern die Grundlagen. Deshalb behaupten sie einfach, wir wären Flüchtlinge, die vor einer Revolution in Indien geflohen sind. Aber hast Du schon einen Flüchtling gesehen, der zum Reisenden wird? Der Flüchtling flüchtet und versucht entweder, wieder in seine Heimat zurückzukommen oder am neuen Ort Wurzeln zu schlagen. Ich kenne auch heute keinen Flüchtling, der freiwillig zum Reisenden wird.

Nach unserer Familienlegende gab es 3 grosse Zigeunerströme nach Europa: einer kam aus Richtung Türkei über die Balkanländer, einer über Nordafrika und Gibraltar und die 3. Route war die "Nordroute", die bis in den hohen Norden führte. Das war die Route der Jenischen, die deshalb tendenziell auch die hellhäutigsten sind. Mein Urgrossvater wurde noch in Dänemark geboren und ist mit 2 Brüdern als ganz junger Mann in die Schweiz eingewandert.

Schon die alten Römer kannten den Satz: Divida et impera! Teile und herrsche!Nichts ist einfacher, als den Streit zweier Anderer für die eigenen Ziele auszunützen. Einerseits, weil den Tsiganologen bei uns Jenischen die Sprachforschung vielleicht noch schwerer fiel, weil sie wahrscheinlich schon vor 200 Jahren stärker als das Romanes mit hiesigen Sprachen vermischt war und andererseits eben um uns spalten zu können, unterschieden sie in "gute und schlechte", "helle und dunkle", "falsche und echte" Zigeuner. Unsere Sprache (das Jenisch) wurde (und wird bis heute, sogar in sog. "Fachbüchern") auch oft mit dem Rotwelsch verwechselt. So fiel es halt noch leichter, uns als "falsche Zigeuner", als asoziale Nachkommen von Söldnern etc. zu diffamieren, die eben nicht einmal eine eigene Sprache haben...

Und diese Differenzierungen und Diffamierungen halten bis heute an und wirken, z.T. sogar bei unsern eigenen Leuten!

Wenn Du noch mehr wissen möchtest, möchte ich Dir für heute ein paar Bücher und Webseiten empfehlen:

www.thata.ch : Die Seite meines Freundes Thomas Huonker, der u.a. das Buch: Fahrendes Volk - verfolgt und verfemt (siehe "Verfolgt und Verfemt") schrieb, das bei ihm auch bestellt werden kann.

Les voyageurs d'Auvergne: nos familles yéniches von Joseph Valet beschreibt einiges über Geschichte, Leben und kultur der Jenischen in Frankreich.

Peter Paul Moser ist ein schweizer Jenischer, der sein leben unter dem "Hilfswerk Kinder der Landstrasse" beschreibt (http://www.thata.ch/moserautobiografie.htm) Buchbestellungen via e-mail siehe diese Webseite.

Es gab früher schon jenische Schriftsteller, die aber sogar in Bibliotheken schwer zu finden sind: in Deutschland Engelbert Wittich, über den Du auf der Seite www.luetzenhardt.de einiges erfahren kannst. 1984 erschien das Buch "Brawo Sinto", in dem Joachim Hohmann das Leben Engelbert Wittichs nachzeichnete und einen grossen Teil seiner Texte nachdruckte. Dieses Buch ist leider auch antiquarisch sehr schwer zu finden. Ebenfalls viele Texte von Wittich zitiert Hohmann in "Studien zur Tsiganologie und Folkloristik 2: Engelbert Wittich - Beiträge zur Zigeunerkunde", Peter Lang Verlag, 1990, ISBN-3-631-42308-X. In der Schweiz gab es Albert Minder und sein Buch "Die Korber-Chronik".

Die wohl berühmteste jenische Schriftstellerin ist Mariella Mehr. www.mariellamehr.com ist ihre Homepage, wo Du auch ihre Buchtitel findest.

Der österreichische Jenische Schriftsteller heisst Romed Mungenast.

Zu guter Letzt: www.jenisch.tk ist meine Homepage mit noch wieder vielen Links und bei diesem Link findest Du das erste Buch, indem es einen grösseren Text von mir hat. Das 2. sollte demnächst erscheinen.

Soviel für heute, ich würde mich wirklich sehr freuen, bald wieder etwas von dir zu hören."

...und soweit das Zitat aus dem Mail an meinen Freund. Ich danke Allen, die die Geduld hatten, bis hier durchzulesen! Und: ich freue mich auf Euch, Eure Meinungen, z.B. hier im Gästebuch.

Ich verabschiede mich deshalb für heute nicht mit einem "latscho drom" oder so, sondern mit

Auf Wiederlesen!

Euer fäberer

"ich will nach oben!"

"Reden die Jenischen Rotwelsch"

"Jangy über jenische Geschichte und Sprache"


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