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Die Jenischen „wurden und werden bis in die Gegenwart ausgegrenzt und diskriminiert und gehörten – wie Roma und Sinti – zu den aus „rassischen“ Gründen Verfolgten des Nationalsozialismus.“AAlfred Ploetz stellt die „Rasse“ als mögliches Objekt der Eugenik in den Mittelpunkt und nennt in seiner Definition explizit die „Ausschaltung von ..... Unterrassen ... aus dem Rasseprozess“, also die „Reinigung“ einer bestehenden Rasse von „rassefremden“ Elementen als Dimension der Rassenhygiene.BDie Jenischen in Deutschland wurden auch systematisch verfolgt. Die Jenischen hiessen in der Naziterminologie "Zigeunermischlinge". Um sie umbringen zu können, brauchte es einen andern Namen, brauchte es eine diskriminierende Zugehörigkeit.C
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Bis heute gibt es erst vereinzelte Arbeiten zur gegenwärtigen Lage und Geschichte der Jenischen in verschiedenen Ländern Europas und noch weniger Publikationen, die auf die Jenischen als Opfergruppe des Nationalsozialismus fokussieren.1 Daraus zu schliessen, dass die Jenischen keine eigene Opfergruppe gewesen seien, wäre so kurzsichtig wie jeder andere Versuch, Tatsachen durch Wegschauen aus der Welt zu schaffen. Das Beispiel Ernst Lossas zeigt uns, wie konsequent über Jahrzehnte weggeschaut wurde. Der "Fall Lossa" wurde direkt nach dem zweiten Weltkrieg im Rahmen der Untersuchungen über "Euthanasie"-Morde in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren und deren Außenstellen wie der Zweiganstalt in Irsee von den Amerikanern exemplarisch untersucht. Sie ermittelten seit Mitte 1945 das Einzelschicksal von Lossa und die Umstände seiner Ermordung, unter anderem durch Vernehmung mehrerer Zeugen wie früherer Krankenpfleger. Lossas Krankengeschichte und seine gezielte Tötung wurden dokumentarisch aufgearbeitet und gemeinsam mit den Zeugenaussagen als exemplarisches Beispiel in mehreren Strafprozessen zu Verbrechen des Nationalsozialismus verwendet. Unter anderem war Lossas Schicksal in den 1948 in Kempten geführten Strafprozessen exemplarischer Bestandteil der Beweisführung gegen den leitenden NS-Euthanasie-Arzt Valentin Faltlhauser und weitere Angeklagte.2 Bis heute blieb Ernst Lossa aber eine "Fallgeschichte" der Psychiatrie. Dass Vater und Onkel von Ernst Lossa in Konzentrationslagern inhaftiert waren und der Vater dort ermordet wurde, interessierte bei dieser Betrachtungsweise kaum. Der von ihnen isoliert internierte und ermordete Junge blieb in den Akten ein "Einzelfall", die familiären Zusammenhänge wurden ausgeblendet, weil seine Verwandten ja nicht dem psychiatrischen Prozedere unterworfen waren. Auch in den von Dr. Michael von Cranach als Buch herausgegebenen Untersuchungen "Psychiatrie im Nationalsozialismus - Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945" nimmt die "Krankengeschichte" Lossas einen prominenten Platz ein, ohne dass die für seine "Laufbahn" durch Kinderheime bis zum Euthanasiemord ursächliche Herkunft geklärt und benannt wurde3. Der Ausstellungskatalog zur seit 1999 in verschiedenen Städten gezeigten Ausstellung heisst "IN MEMORIAM (Lossa, Ernst)." Bis 30.12.2007 ist sie im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt4 zu sehen. Das Plakat zur Ausstellung zeigt eine Fotografie Ernst Lossas aus seiner Krankengeschichte.
Noch immer ist das Schicksal von Ernst Lossa, der in der psychiatrischen Anstalt als gesund und handlungsfähig auffiel, ein Fanal der Dokumentation fehlgeleiteten ärztlich-psychiatrischen Handelns im Nationalsozialismus. So wurde es auch möglich, dass die Stadt Augsburg eine Strasse nach Ernst Lossa benennt5, die Webseite des zum Gelände gehörigen "Denkorts Halle 116" zur Strassenbenennung aber lapidar kommentiert: "Ernst Lossa (1929 - 1944) war das Kind eines Augsburgers, der sein Geld mit hausieren verdiente. (...)"6
Dr. Michael von Cranach, 1980 - 2006 Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, erhielt 2006 in Augsburg den Marion-Samuel-Preis der "Stiftung Erinnerung". Cranach hat wesentliche Teile seines Lebenswerks der Aufarbeitung der Geschichte der nationalsozialistischen Psychiatrie gewidmet. "In Memoriam - im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms" ist eine von Michael von Cranach gestaltete Ausstellung zum Thema Psychiatrie im Nationalsozialismus. Dass gerade eine der wichtigsten seiner Fallgeschichten mit der Reduktion auf die psychiatrische Sichtweise äusserst ungenügend geklärt ist, wurde von Cranach erst nach vertieften neueren Nachforschungen und persönlichen Kontakten mit Überlebenden der Familie Lossa bewusst, bildet jetzt jedoch ein Resumée seiner langjährigen Forschung und ein weiteres Forschungsdesiderat für andere Fälle.
Auf der Webseite des Bundesverbands Psychiatrie-Erfahrener (BPE) e.V.7 ist Cranachs Ansprache zum Gedenktag für die Opfer der Euthanasiegesetze an der Mahn- und Gedenkveranstaltung Gedenkplatte in Berlin am 1.September 2007 dokumentiert: "Die Auseinandersetzung mit diesem Thema begann spät. Nachdem die Alliierten kurzfristig intensiv Recherchen anstellten, die ihren Niederschlag in den Nürnberger Ärzteprozesse mit der Verurteilung von 4 Hauptverantwortlichen im Jahre 1947 fanden, gerieten diese Ereignisse in Vergessenheit, oder besser gesagt wurden aktiv verdrängt, teilweise sogar verleugnet."
In dieser Rede schilderte von Cranach Herkunft, Familie und Schicksal von Ernst Lossa mit den Worten:
"Ernst Lossa ist am 1. November 1929 in Augsburg geboren. Seine Eltern waren Jenische, die als Restauratoren von Kirchenfiguren in den warmen Monaten des Jahres als Fahrende durch das Land reisten, von den Nationalsozialisten als ‚Zigeunermischlinge' bezeichnet und verfolgt. Ernst's Vater und Onkel wurden zunächst in Dachau interniert, der Vater starb später im KZ Flossenbürg. Ernst und seine beiden Schwestern kamen in ein Waisenhaus, mit neun Jahren wurde Ernst wegen seiner Aufsässigkeit in ein Erziehungsheim verlegt. Hier wurde er von einer Ärztin der Erbbiologischen Abteilung des Kaiser Wilhelm Instituts begutachtet und wegen seiner "asozialen Züge" im April 1942 in die Kinderfachabteilung der Anstalt Kaufbeuren verlegt. Der Anstaltsleiter hatte Bedenken, Ernst zu töten, da er nicht so krank war wie die anderen Patienten und außerdem von Pflegern und Schwester gemocht wurde wegen seines freundlichen und hilfsbereiten Wesens. Ernst bekam mit, wie in der Anstalt Menschen durch Spritzen getötet wurden und der Hungerkur ausgesetzt waren. Als Ernst mehrmals in die Vorratskammern der Krankenhausküche einbrach und an die hungernden Patienten Lebensmittel verteilte, bestand der Verwaltungsleiter auf seiner Tötung. Am 9. August 1944 wurde er mit einer Morphium- Scopolamin Injektion getötet. Er wusste, dass ihm dieses Schicksal bevorstand. Am Vortage gab er einem ihm freundlich gesinnten Pfleger ein Foto von sich mit der Aufschrift "zum Andenken" und der Bitte ihn schön einzusargen. Vor wenigen Wochen hat seine Heimatstadt Augsburg eine Strasse nach ihm benannt8 ."
Stefan M. Seydel vom mit mehreren Preisen9 ausgezeichneten Internet-Projekt "Rebell-TV"10 führte am 18.5.2007 ein Interview mit Michael von Cranach11 .
Seydel: Heute beschäftigst Du Dich noch eher mit, wie sagt man, Romas, Sintis?
Cranach: (...) in Kaufbeuren, in dieser Klinik, die eine der schlimmsten Kliniken in der Nazizeit war (...) haben wir dann sehr intensiv versucht, die Nazivergangenheit der Psychiatrie in Kaufbeuren zu erforschen und daraus wurde dann ein grosses Projekt, [so] dass wir die ganze Psychiatrie in der Nazizeit in Bayern dokumentiert haben und darüber einiges geschrieben haben und Gedenkstätten eingerichtet haben. Diese Arbeit lässt mich nicht los, so dass ich mich jetzt noch um manche Aspekte kümmere. Da gibt es zwei Aspekte. Das eine ist ein bisschen das Schicksal der jüdischen Patienten und, ganz aktuell im Augenblick, das Schicksal der jenischen Patienten.
Seydel: Jenische sagst Du?
Cranach: Der Jenischen, ja, oder "das fahrende Volk" heissen sie auch in Deutschland. Darüber ist gar nichts [publiziert], da gibt es gar keine Literatur. Eine Doktorarbeit gibt es, die aber die psychiatrische Seite überhaupt nicht sieht. Wir haben einen Bub gefunden, Ernst Lossa, der in Kaufbeuren mit 14 Jahren getötet wurde von den Nazis. Der war gar nicht mal psychisch krank, sondern der ist nur in die Psychiatrie gekommen, der Vater, der war jenisch, und sein Onkel sind ins KZ gekommen und der Vater ist dort umgebracht worden. Die Kinder hat man in ein Waisenhaus getan und in dem Waisenhaus war unser Patient sozusagen, Ernst, so aufmüpfig und vielleicht ein schwieriges Kind auf Grund der Umstände, dass man ihn begutachtet hat als Zwölfjährigen und nach Kaufbeuren geschickt hat. Und in Kaufbeuren, das ist ja das Eindrucksvolle, wissen wir ganz viel über ihn, weil wir ganz viele Zeugen noch gefunden haben und auch weil die Amerikaner kurzfristig nach 45 sehr gut recherchiert haben. Dieser hat noch, das ist unglaublich, Widerstand geleistet, weil in der Klinik gab es eine Kinderabteilung und da gab es Hungerkuren. Man liess ja Patienten verhungern. Und dieser Bub ist in die Speisekammer eingebrochen, häufig, hat Lebensmittel geklaut und an die hungernden Kinder verteilt. Und deshalb hat der Direktor gefordert, dass er umgebracht wurde, der Verwaltungsdirektor. Und der ärztliche Direktor, der ein Schlimmer war, hatte aber Bedenken, weil dieses Kind nicht wirklich psychisch krank war. Aber schliesslich hat er unter dem Druck des Verwaltungsdirektors auch den umgebracht. Wir haben jetzt die Schwester von diesem Bub, die überlebt hat, gefunden und ich habe ganz viel recherchiert und so bin ich drauf gekommen, dass die Jenischen in Deutschland auch systematisch verfolgt wurden. Und jetzt versuche ich halt in die Archive zu gehen. Die Jenischen hiessen in der Naziterminologie "Zigeunermischlinge".
Seydel: Warum Mischlinge?
Cranach: Sie haben mit "Zigeunern" eigentlich gar nichts zu tun. Sie leben vielleicht ähnlich oder nomadisch oder so (...) in der Naziideologie waren sie arisch. Aber um sie umbringen zu können, brauchte es einen andern Namen, brauchte es eine diskriminierende Zugehörigkeit.
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Dass die Verfolgung der Familie um Ernst Lossa nicht ein Einzelfall war, dokumentiert auch folgendes, hier auszugsweise wiedergegebenes Rekurs-Schreiben von Prof. Dr. Othmar Freiherr von Verschuer12 vom 21. 7. 1941 an das Erbgesundheitsgericht Frankfurt a.M.:
" In der Erbgesundheitssache der Katharina Reinhardt gebe ich folgende Begründung zu meiner am 3.7. eingereichten Beschwerde gegen den Beschluß des Erbgesundheitsgerichts vom 11.6.1941. (...) Es gibt Sippen, in welchen Vagabundentum, Kriminalität, asoziales und antisoziales Verhalten ausgesprochen erblich auftreten. In diesem völligen Versagen gegenüber den Anforderungen der menschlichen Gesellschaft ist auch eine Form des Schwachsinns im rassenhygienischen Sinne zu sehen. Es kommt dabei nicht auf Mängel bei der Intelligenzprüfung an. Die Erfahrung mit diesen jenischen Sippen ergeben vielmehr, dass die betreffenden Personen durch besonders raffiniertes Verhalten das Gericht zu täuschen verstehen. Wichtiger als der Nachweis von intellektuellen Fähigkeiten bei einer Intelligenzprüfung ist die Lebensbewährung, d.h. die praktische Probe der Begabung im Leben. Ritter spricht deshalb in seinem Buch von einem "getarnten Schwachsinn". Unter die Psychopathien sind diese Menschen auch nicht einzureihen. Es liegt vielmehr ein für die Gemeinschaft besonders gefährlicher Erbtypus vor, der ausgemerzt werden muß. Daß Katharina Reinhardt zu den von Ritter in seinem Buch beschriebenen Erbtypen gehört, ergibt sich aus der Sippentafel des Berliner Zigeuner-Archiva einwandfrei. Die vorgelegten Unterlagen sind neue Tatsachen im Sinne des GeszVen und ist deshalb die Wiederaufnahme des Verfahrens zu Recht beantragt13."
Die zentrale Stellung, die Verschuer innerhalb der Forschung zu Erbbiologie und Rassenhygiene zukam, muss hier nicht weiter erläutert werden. Zwar stellt auch er fest, dass die Jenischen nicht "unter die Psychopathien einzureihen sind". Er postuliert aber unmissverständlich die Ausmerzung des "für die Gemeinschaft besonders gefährlichen Erbtypus". Zur Bekräftigung seiner Argumentation verweist er auf das dem Rekursschreiben beigelegte Buch "Ein Menschenschlag" von Robert Ritter14.
Dass die Jenischen in Forschung und Publikation als eigenständige Gruppe bis heute kaum Erwähnung fanden, mag darannd, weil für sie oft liegen, dass die sie in den Archiven oft schwerer als solche zu identifizieren siverschiedenste, nicht exklusive und eindeutige Begrifflichkeiten wie "Landfahrer", "nach Zigeunerart umherziehende Personen", "Asoziale" verwendet wurden. Ein anderer Umstand, der zu dieser virulenten Nichtbeachtung durch die Wissenschaft möglicherweise beigetragen hat, ist die Tatsache, dass die Jenischen bis in die neuste Zeit in Deutschland keine eigenen politischen Interessenvertretungen hatten, wohingegen z.B. die Sinti, angeführt vom "Zentralrat deutscher Sinti und Roma", über Jahrzehnte eine begriffsprägende Öffentlichkeitsarbeit leisteten. Dass die Wissenschaft oft reflexartig einem, z.B. politisch und/oder medial gesetzten, Mainstream folgt, ist in der Wissenschaftsgeschichte hinreichend, gerade auch für die Zeit des Nationalsozialismus, dargelegt. Dies bleiben jedoch Muster, die das Fehlen der Jenischen in der Aufarbeitung der Opfergeschichte von Nazideutschland vielleicht erklären, sicher aber nicht entschuldigen.
Symptomatisch hierfür steht, dass das zitierte Schreiben durch Dr. Peter Sandner, Historiker und wissenschaftlicher Beirat der Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V.15 gesichtet, eingescannt und zumindest für die Publikation "Die "rassenbiologische" und polizeiliche Erfassung der Sinti und Roma in Frankfurt ab 1936"16 ausgewertet wurde, die Jenischen aber auf der ganzen Webseite nicht erwähnt werden.