Das persönliche Erinnern und die öffentliche Wahr­nehmung an der deutsch-schweizerischen Grenze

Vortrag, gehalten am III. Internationalen Antiziganismus Kongress, Hamburg, 2.12.2006

von Venanz Nobel


Meine Damen und Herren, guten Tag!

Meine Ausführungen haben den unverfänglichen Titel „Das persönliche Er­innern und die öffentliche Wahrnehmung an der deutsch-schweizerischen Gren­ze. Ein Titel der ratlos macht. Wer ist der Mann und was will er hier?

Mein Name ist Venanz Nobel und ich spreche hier zu Ihnen als Jenischer, als Vertreter des jenischen Vereins „schäft qwant und als Mitarbeiter des Schwei­zerischen Instituts für Antiziganismusforschung. Jenische, was ist denn das? Fragen sich wohl die einen oder andern hier. Einige haben mich schon irgend­wo gesehen und denken: ah, ja, der Schweizer, der von diesen seltsamen „Zi­geunern“ in der Schweiz erzählt. Es ist erst ein paar Jahre her, seit wir uns mühsam daran gewöhnt haben, dass wir nicht mehr „Zigeuner“ sagen dürfen sondern „Sinti und Roma“. Und nun steht da so ein Hausierer, der mir das nächste neue Volk schmackhaft machen will.

Ja und nein, meine Damen und Herren! Ja, ich war auch schon Hausierer, habe also ein Gewerbe ausgeübt, das man oft als „Wandergewerbe“ bezeichnet und mit dem wandernden Volk der Zigeuner in Verbindung bringt. Doch nein, ich will Ihnen kein neues Volk schmackhaft machen. Ganz im Gegenteil! Ich hau­siere hier mit meinem Wissen über ein altes Volk, das aber den Eingang in die Lexika noch kaum geschafft hat. Denn dazu fehlt mir die Exotik. Ich sehe viel zu sehr aus wie „Du und ich“ oder der Herr Meier in der S-Bahn. Erst wenn Sie mich in ungewohntem Lebenszusammenhang, auf einem Halteplatz der fah­renden Leute antreffen, fragen Sie sich insgeheim: „Wer ist denn der, gehört der etwa zu den Zigeunern?“

Genauso erging es den Gendarmen des 19. Und 20. Jahrhunderts. Sie kontrol­lierten die Lagerplätze, suchten die Sinti und Roma und fanden, nicht allzu selten, Jenische. In den Zeiten des Nationalsozialismus, der ja wohl die bis dorthin umfassendste Bürokratie der neueren Geschichte unterhielt zwecks Verwaltung und juristisch formal korrekter Abwicklung seiner ideologischen Pläne, war dieser Fall natürlich sogar in Erlassen, Kreisschreiben usw. vorgese­hen. „Reinrassige Zigeuner“ oder „Zigeuner-Mischlinge“, zwei Felder, um auf Formularen das passende anzukreuzen. Für die Häscher und Gendarmen auch weit draussen auf dem Land waren das zwei Begriffe, die sie auch ohne ge­naueres Hingucken zuordnen konnten. Stereotype, die auf Grund einer flüchti­gen visuellen Musterung verteilt werden konnten. Irgendwie muss doch je­mand, der so sehr aussieht wie der Herr Meier und sich so sehr benimmt wie ein Zigeuner ein Mischling sein! Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass es mit­ten in Europa, wo seit den alten Römern in Stein gebaut wird, eine Gruppe von Menschen geben soll, die seit Jahrhunderten ihren eigenen Weg geht und oft­mals eine einfache Zeltplane der festen Behausung vorzog.

Europa ist stolz auf seine Häuser, Königshäuser, Paläste, Kirchen und, ja, auch das, fest in Stein gemauerte Kerker. Kerker, die dazu dienten, den verbreche­rischen Nachbarn zu bestrafen und den zuwandernden Fremden abzu­schrecken. Dass Sinti und Roma aus Indien kommen, war vor 200 Jahren für das Bürgertum doch eine beruhigende Erkenntnis. „Die sind ja nicht von hier“, das erklärt vieles, fördert den Reiz des voyeuristischen Blicks auf die Exotik und zieht gleichzeitig neue Grenzen. Grenzen, die täglich neu verlaufen, an denen keine Zöllner stehen. Unsichtbare Grenzlinien, die diese Leute umge­ben, wo sie auch gerade stehen und gehen.

Während in den umliegenden Ländern die Zeit nach Napoleon nochmals eine Renaissance der Fürstentümer und Königreiche einläutete, formierte sich in der Schweiz der moderne Bundesstaat. Dieses junge Gebilde, das eben erst die fremden Heere losgeworden war, setzte auf die sichere Karte. Schnell wurde dem Land eine Verfassung gegeben, die die Grenzen auf der Landkarte und in den Köpfen verfestigen sollte. Das Fremde sollte draussen bleiben. In dem Land der Berge und Täler war das vielleicht etwas einfacher zu bewerkstelligen als in weitläufigen Ländereien. Jedenfalls waren die gegen Sinti und Roma ge­richteten Zigeunerjagden des 18. Jahrhunderts schon so erfolgreich, dass nur selten eine Gruppe Sinti sich hierher traute. So fiel es den Schweizer Behörden auch leicht, mit einem Gesetz gegen die Heimatlosigkeit, mit dem Transport­verbot für Zigeuner auf Eisenbahnen und Schiffen und einem Erlass, der Zi­geunern das Betreten des Landes verbot, schon zu Beginn der Industrialisie­rung ein zigeunerfreies Land zu sein. Zigeunerfrei? Nun ja, jene Zigeuner, die genau so aussahen, wie der Grenzwächter sich das vorstellte, waren nun ferngehalten. Doch in den Sumpfgebieten des schweizerischen Mittellandes, in den Wäldern der Voralpen und sogar auch auf den höchsten Almen gab es noch immer eine Gruppe, die als Korbmacher, Scherenschleifer, Wandermusikanten, Geschichtenerzähler und Wanderhändler der sesshaften Bevölkerung bis ins hinterste Tal Dienstleistungen erbrachte, die erst hundert Jahre später auch dort durch Grossmärkte und Internet-Bestellungen ersetzt werden konnten. Sie beherrschten den einheimischen Dialekt genauso wie ihre eigene Sprache, das Jenische. Auf weiten Handelsfahrten bezogen sie ihre Waren aus Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland, wo sie auch Kontakt pflegten mit Verwandten und bekannten Jenischen dieser Länder.

In der Schweiz wurde diesen Leuten Heimatorte zugewiesen und bis 1973 die Kinder weggenommen. „Hilfswerk Kinder der Landstrasse“ nannte sich das be­hördlich finanzierte und geförderte Projekt, dessen Leiter seine Aufgabe so formulierte: „So hart es klingen mag, nur wenn es uns gelingt, diesen Leuten konsequent die Kinder wegzunehmen und die Aufzucht einer neuen Genera­tion Vaganten zu verhindern, kann das Ziel der Entvölkerung der Landstrasse Erfolg haben.“ 1973 veröffentlichte die Zeitschrift „Beobachter“ Berichte über verzweifelte Mütter, die ihre Kinder suchten und Kinder, die in Zwangsanstal­ten oder als billige Knechte bei Bauern gehalten wurden. Die Kinder erzählten, dass sie für alles verantwortlich gemacht wurden, was irgendwo in der Umge­bung geschah. Sie erzählten, dass Lehrer, Mitschüler, Nachbarn sie stets als Zigeunerkinder beschimpften. 1975 gründeten diese Leute ihre erste eigene Organisation, die sie trotzig „Radgenossenschaft der Landstrasse“ nannten.

30 Jahre nach Kriegsende war in ganz Europa die Zeit gekommen, sich zu er­innern, der nächsten Generation zu erzählen, was damals geschah, Verant­wortungen zu übernehmen und sich auch ein bisschen öffentlich zu schämen. Die Schweiz schämte sich für ihr „Hilfswerk Kinder der Landstrasse“, Medien berichteten weltweit über diesen Umgang mit den „Schweizer Zigeunern“. So wurde das Wort „Jenische“, das in alten Urkunden beispielsweise auch schon als Bezeichnung für die Sprache der Wiener Kellner verwendet wurde, zu ei­nem scheinbaren Synonym für „schweizerische Zigeuner“. Deutschland lernte zur selben Zeit, dass seine Zigeuner „Sinti und Roma“ heissen und, eben, ganz romantisch aus Indien kommen, Fremde sind und bleiben, Fremde, die wir manchmal lieben und manchmal hassen.

Umgang mit Erinnerung“ steht als Titel im Tagungsprogramm. Persönlich wissen wir ja alle, wie unangenehm das Erinnern manchmal sein kann. Unser Gedächtnis hilft uns, unsere Erinnerungen in erträglichen Grenzen zu halten. Viele schöne Erinnerungen tragen wir mit uns, ein paar tragische Erlebnisse bilden das Salz in der Suppe. Doch viele, die von ihren Erinnerungen erdrückt werden, suchen Hilfe in psychiatrischen Behandlungen. Oft scheint mir, dass die Gesellschaft als Ganzes ziemlich ähnlich funktioniert. Denkschriften und Festreden sind Teile dieses kollektiven Gedächtnisses. Wenn die Suppe versal­zen schmeckt, verwünschen wir den Koch. Zu viele störende Erinnerungen verlangen ebenfalls nach Sündenböcken. Die eher kleine Gruppe der als „Zi­geuner“ Verfolgten eignet sich auch heute gut für diese Rolle. Solange irgend möglich ignoriert das gesellschaftliche Gedächtnis die Erinnerung an all das, was man diesen Menschen angetan hat. Wenn das Rezept versagt, die Betrof­fenen selbst sich allzu laut zu Wort melden, rettet das kollektive Gedächtnis die Lage, indem das Problem kleingeredet wird. Der Begriff „Sinti und Roma“ kommt dieser Strategie zu Hilfe. Aus der bedrohlich grossen Masse, die vor einigen Jahren auch schon mal springflutartig als drohende „Zigeunerinvasion“ aus dem Osten von einem Spiegel-Titelbild zu fluten drohte, werden zwei kleine Individuen: „Der Sinti“ und „der Roma“ gefiltert. Der Rest fällt durch. Das war auch im Dritten Reich nicht anders. Spezialisten machten sich an die Ar­beit, um unsere Völker neu zu katalogisieren. Robert Ritter und Eva Justin vom Rassehygienischen Institut arbeiteten gewissenhaft. Veröffentlichungen wie die Schrift „Ein Menschenschlag“ beschrieben und benannten die Jenischen auch in Deutschland als das, was sie sind: Nicht-Sinti, Nicht-Roma, sondern eine eigene Gruppe von, ein damals ebenfalls sehr beliebtes Wort, „Landfah­rern“ mit europäischen Wurzeln, verwandt mit Dir und mir und doch so fremd. Doch wer will schon sich selbst fremd sein? Das wäre ja fast schon wieder ein Fall für die Psychiatrie! Genau so vehement, wie in der Schweiz die Kindsweg­nahmen dieses, Zitat: „Krebsgeschwür unserer Gesellschaft“ ausmerzen soll­ten, griffen auch die Nazis durch. Zigeunermischling „ZM Plus“ oder „ZM Minus“ waren auf den Karteikarten beliebte Felder zum Ankreuzen, „Asoziale“ lautete ein weiterer Begriff, mit dem Menschen aus unser aller nächster Nähe der Stempel einer gesellschaftlichen Krankheit aufgedrückt werden konnte. Viele Jahre sind seit dem zweiten Weltkrieg vergangen. All die vielen Unrechte, die damals geschahen, haften irgendwo in unserm kollektiven Gedächtnis, meist verborgen als kleine Karteikarten in irgend einem Archiv. Ein paar wenige markante Mahnmale erfüllen ihre Aufgabe des sichtbar zugelassenen Erin­nerns. Ein Hand voll Historiker arbeitet daran, die Gesamtheit der Geschichte ins Bewusstsein zu rücken. Doch die Jenischen waren bislang selbst ihnen meist nicht bewusst. Erst zaghaft gibt es eine „Asozialen-Forschung“, die, weil auch ihnen die Jenischen als „Schweizerische Zigeuner“ gelten, schlicht ver­gessen, das Augenmerk auch hier darauf zu werfen. Vor zwei Jahren disser­tierte an der Universität Hamburg einer unserer Tagungsteilnehmer zur The­matik „Die Verfolgung der Jenischen (auch als deutsche Landfahrer bekannt) im Nationalsozialismus“. Es ist die erste Arbeit, die nicht nur lokalhistorisch auf ein paar Jenische in einem südschwarzwälder Dorf fokussiert, sondern darlegt, dass die Jenischen in ganz Deutschland eine für die Rassehygieniker wichtige auszumerzende Gruppe waren, die zu Vergessen bis heute leicht fiel, da sie kaum eigene Sprecher hatte und in den Akten ja als selbstverschuldet kriminelle Insassen der Lager dokumentiert sind.

Ich danke Herrn D’Arcange­lis, dass er mit seiner Arbeit einen ersten Schritt gemacht hat, auch meinen Onkeln und Tanten ihren wohlverdienten Platz in Ihrer Erinnerung zu schaffen und hoffe, dass Sie alle in den nächsten Tagen sich ein bisschen weiter kundig machen darüber, wer da eben zu Ihnen gesprochen hat: Ein Jenischer, der mit vielen Sinti und Roma befreundet, doch nicht verwandt ist.


Filmmitschnitt des Vortrags


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